PASSAGIERE DER NACHT
Bewertung: ***

Wir schreiben den 10. Mai 1981: Die Menschen in Paris feiern den Wahlsieg von François Mitterrand. Es herrscht Volksfeststimmung, die Mikhaël Hers in körnigen Bildern zeigt. „Passagiere der Nacht“ erzählt von den Achtzigern und folgt Élisabeth (Charlotte Gainsbourg), die an einer Trennung laboriert und bei einer Nachtradiosendung zu jobben beginnt. Dort taucht die Ausreißerin Talulah (Noée Abita) auf, um die sich die Alleinerzieherin in ihrer Plattenbauwohnung kümmert. Sie mutieren zur Schicksalsgemeinschaft der verirrten Seelen. Aufbruch, Neustarts, Selbstfindung: Soghaft und poetisch führt einen dieser Indiefilm durch die Schatten- und Sonnenseiten des Lebens, die politische Realität bleibt außen vor. (js)

VERA
Bewertung: ****

Mit „Vera“ führt das Wiener Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel sein Konzept semidokumentarischer Spielfilme weiter. Im Zentrum steht die römische Schauspielerin Vera Gemma. Die Geschichte führt schnell aus der glitzernden Filmbranche heraus, als Vera einem kleinen Vorstadt-Buben begegnet. Sie findet Gefallen an ihrer Rolle als Patentante, doch die soziale Hilfe gestaltet sich nicht einfach. Autorin Covi formt eine Erzählung über Mitleid, Engagement, Solidarität und Verantwortung, die das Thema der Ungleichheit tief in ihren lebensechten Figuren verankert. So wird die Tochter des berühmten Italo-Mimen Giuliano Gemma zu einer sympathischen Protagonistin. Nun hat sie ihre eigene Filmgeschichte. (maw)

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OPERATION FORTUNE
Bewertung: ***

Wenn sich schick gekleidete englische Gentlemen quer durchs Bild prügeln und dabei flotte Sprüche von der Leine lassen, handelt es sich um einen Guy-Ritchie-Film. Der Brite hat sich seit dem Debüt mit „Bube, Dame, König, grAS“ 1998 dem Heist-Movie, also Filmen mit spektakulären Überfällen, verschrieben. In „Operation Fortune“ ist Stamm-Schauspieler Jason Statham der Superagent Orson Fortune, der für die Regierung herausfinden soll, wer eine gefährliche Festplatte aus einem Labor gestohlen hat. Um an den möglichen Dealer und Supermillionär Greg Simmonds (Hugh Grant) heranzukommen, braucht sein Team Schützenhilfe. Simmonds ist ein Fan des arroganten Hollywood-Actionhelden Danny Francesco (Josh Hartnett). Der muss als Lockvogel und unfreiwilliges Mitglied der Truppe herhalten. Das witzige Szenario entpuppt sich als weniger meta-kritisch, als es hätte werden können. Nicht so kultig wie Ritchies frühe Filme, aber leichtfüßige Unterhaltung mit tollen Stars. (sg)

UNRUEH
Bewertung: ****

1877, Schweiz: St. Imier in den Bergen des Berner Jura scheint unscheinbar, fast idyllisch. Hier leben die Menschen noch nach vier verschiedenen Uhrzeiten, die Industrialisierung steckt in den Kinderschuhen. Automatisierung wird mit Stoppuhren vorangetrieben. Doch dieser kleine Ort ist auch das Epizentrum der internationalen anarchistischen Bewegung. In dieser Welt treffen auch die Fabrikarbeiterin Josephine Gräbli (Clara Gostynski) und der russische Kartograf Pyotr Kropotkin (Alexei Evstratov) aufeinander. Cyril Schäublins Film lebt von den Schwingungen, den mechanischen Abläufen in den Bildern und dem Sounddesign, das die fortwährende, immer kapitalistischere Forderung nach mehr Produktivität antreibt. Dennoch stellt er sich in Opposition zu diesem Wettlauf mit der Zeit, entschleunigt seinen Film, entrückt ihn immer visuell und weigert sich, hier eine klassische Handlung zu erzählen. „Unrueh“ ist eine Zeitreise, eine Oase vor dem Untergang durch den Kapitalismus. Ein Film so präzise wie ein Uhrwerk, und doch so frei von jeglichen Konventionen des Filmemachens. (sg)

BELLE UND SEBASTIAN - EIN SOMMER VOLLER ABENTEUER
Bewertung: ***

In der sympathisch-kurzweiligen Neuverfilmung des gleichnamigen Kinderbuchklassikers von Cécile Aubry erweist sich Hundeliebe als ein kostbares Gut. Der zehnjährige Sebastién (Robinson Mensah-Rouahnet) wird diesmal dazu verdonnert, den Sommer bei seiner Großmutter in den Bergen zu verbringen. Spätestens als dem Buben die schneeweiße Hündin Belle begegnet, beginnt ihm die neue Umgebung im mehrfachen Sinne tierisch ans Herz zu wachsen. Voller Schreck muss er feststellen, dass der liebenswerte Vierbeiner vom eigenen Herrchen misshandelt wird. Das knapp 90 Minuten lange Abenteuer durchzieht ein authentischer, juveniler Charme gepaart mit einer schwer überschaubaren Affinität für den besten Freund des Menschen. Launiger Spaß und Nervenkitzel auf vier Pfoten und zwei Beinen. (pog)