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Erste BilanzBerlinale setzt diesmal auf künstlerische statt politische Schwerpunkte

Es gab Berlinale-Wettbewerbe, in deren Beiträgen exzessiv geraucht wurde oder Sex dominierte. Heuer geht es oft um Reisen in das Innere der Seele.

GERMANY-BERLINALE-FILM-FESTIVAL
© APA/AFP/JOHN MACDOUGALL
 

Der Wechsel zum Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian an der Spitze der Festspiele lässt auch eine Akzentverschiebung erkennen: Das Schwergewicht der Filme liegt mehr auf der künstlerischen Umsetzung des Stoffs als auf seiner politischen Botschaft.

"El Prófugo" ist eines der Beispiele für die Beschäftigung mit der aus dem Gleichgewicht geratenen Psyche eines Menschen. In dem argentinischen Beitrag hat eine Synchronsprecherin zunehmend mit Albträumen und Interferenzen zu kämpfen, im Film verschwimmen Wirklichkeit und Fantastisches. "Sibiria" des US-amerikanischen Regisseurs Abel Ferrara reiht Visionen und Ängste eines Mannes nahezu lückenlos, aber nicht recht erklärlich aneinander. Und im britischen Beitrag "The Roads Not Taken" von Sally Potter steht ein demenzkranker Mann, der in seiner Vergangenheit lebt. Allerdings würde man doch mehr darüber wissen wollen, was für ein Mensch sich hinter der steinernen Fassade des Vergessens verbirgt.

Die traditionell erzählten Filmgeschichten waren in der Minderzahl: "First Cow" aus den USA über zwei Milchdiebe im Wilden Westen, der Schweizer Beitrag "Schwesterlein" über eine unzerstörbare Geschwisterbindung oder "Todos os mortos" aus Brasilien über eine einst reiche Familie und deren Verhältnis zu ihren ehemaligen Sklaven sind respektable Kinokost. "The Woman Who Ran" aus Südkorea erschöpft sich in oberflächlichen Gesprächen langjähriger Freundinnen, und auch "Le sel des larmes", ein schwarz-weiß gedrehter Beitrag aus Frankreich, der um einen jungen Mann und seine Vaterbeziehung sowie seine unbedachten Fraueneroberungen ohne Verantwortungsgefühl kreist, lassen Fragen nach der Botschaft offen, ohne zu unterhalten.

Berlinale 2020: Bilder aus der zwischenzeitlichen Hauptstadt des Films

Schauspielerin Helen Mirren

(c) AP (Jens Kalaene)

Schauspieler Juraj Loj mit Regisseurin Agnieszka Holland

(c) AP (Joerg Carstensen)

Der tschechische Autor Josef Trojan

(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ (TOBIAS SCHWARZ)

Der tschechische Autor Ivan Trojan

(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ (TOBIAS SCHWARZ)

Der thailändische Autor Anong Houngheuangsy

(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ (TOBIAS SCHWARZ)

Regisseur Tsai Ming-liang

(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ (TOBIAS SCHWARZ)

Die australische Schauspielerin Cate Blanchett

(c) APA/AFP/JOHN MACDOUGALL (JOHN MACDOUGALL)
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Es mangelt an Bärenkandidaten 

Das hingegen kann der humorvolle französische Streifen "Effacer l historique" sehr wohl, der scharfsichtig die Mühsal einer digitalen Gesellschaft im Würgegriff der Datenkrake darstellt. Mitunter gerät die Geschichte ein wenig klamaukhaft, aber vielleicht könnte es dafür einen Drehbuchpreis geben. Der wäre auch für den italienischen Beitrag "Favolacce" denkbar, ein Drama über die Bewohner einer Siedlung nahe Roms, der eine interessante Konstruktion aufweist, allerdings die Frage offen lässt, warum diese Bewohner alle grundsätzlich so schlecht drauf sind.

Wie meistens bisher drängt sich auch diesmal kein eindeutiger Bärenkandidat auf. "Berlin Alexanderplatz" als Romanadaptierung wird wohl in Erinnerung bleiben, doch stehen ihm zwei Hindernisse im Weg: Mit mehr als drei Stunden Dauer war er der längste Beitrag des Berlinale-Wettbewerbs, zum anderen stünde er als "Heimspiel" dem Anspruch internationaler Festspiele entgegen. Darum wird es wohl auch für den zweiten deutschen Beitrag, "Undine" von Christian Petzold, nichts werden, der den bekannten Undine-Stoff aufgreift und ins moderne Berlin versetzt. Zudem handelt es sich dabei um wenig mehr als gute Kinounterhaltung.

Als beste Darstellerin käme die junge Sidney Flanigan aus dem US-Streifen "Never Rarely Sometimes Always" in Frage, in dem sie ein Mädchen aus der Provinz spielt, das mit ihrer Kusine zur Abtreibung nach New York aufbricht. Sie spielt still und ohne große Gesten, aber mit starkem Ausdruck. Ebenfalls beachtlich ist die Leistung von Natalia Berezhnaya im russischen Film "Dau.Natasha", in dem sie eine Kantinenkellnerin in der Sowjetunion gibt. Der Streifen wurde ausschließlich mit Laienschauspielern gedreht und stellt an sie hohe Anforderungen an drastischem Ausdruck. Den Preis als bester Darsteller könnte sich Elio Germano holen, der in "Volevo nascondermi" den verhaltensauffälligen und misstrauischen Einzelgänger Antonio Ligabue, einen bedeutenden italienischen Maler des 20. Jahrhunderts, spielt: Wandlungsfähigkeit und Emotionalität seiner Figur sind beachtlich.

Für die beste Kamera der Jubiläumsberlinale könnte sich Chan Jhong-Yuan qualifizieren. Der Film "Rizzi" aus Taiwan über die Begegnung zweier Männer konterkariert traditionelle Kinoerwartungen mit minutenlangen Einstellungen, in denen sich nichts ereignet. Doch diese Bilder sind mitunter gemäldehafte Kompositionen bis ins Detail.

Vielleicht gibt es morgen, Freitag, noch die eine oder andere Überraschung. Dann laufen nämlich die letzten beiden Beiträge: der einzige Dokumentarfilm des Wettbewerbs, "Irradiés", über die Wirkung von Massenvernichtungswaffen in Kambodscha, sowie "There Is No Evil" aus dem Iran.

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