Am 7. August 2024 hat Carola Mair Bodo Hell ein letztes Mal in seinem Sommerwohnsitz auf der Grafenbergalm am Dachstein besucht, am 9. August sehen ihn Wanderer ein letztes Mal, am 11. August wird er als vermisst gemeldet, am 14. August die Suche nach ihm eingestellt.

Die Dokumentaristin Carola Mair hat den Film, an dem beide seit einiger Zeit gemeinsam gearbeitet haben, finalisiert. „HELLwach“ ist eine Hommage an den originären Avantgardisten – ein Vermächtnis seiner Präsenz, die sich in die österreichische Literaturgeschichte eingegraben hat. Am Samstag feierte das Porträt über den Schriftsteller, Sprachspieler und Senner Weltpremiere beim Filmfestival Crossing Europe in Linz.

In vielen Begegnungen und Gesprächen kommt die Filmemacherin Bodo Hell darin nicht nur als Künstler-Original mit enzyklopädischem Wissen, großer Naturverbundenheit und schelmischem Humor nahe, sondern auch dem Menschen. Und dessen Haltung zur Welt, die stets von Humanismus und Verbundenheit geprägt war. Mair begleitet ihn auf Almweiden, zu Lesungen auf dem See, befragt ihn im Garten, ist bei Spontanperformances vor dem Zugfenster dabei, bei Auftritten vor Publikum oder nimmt Handlungsanleitungen von ihm entgegen.

Manchmal hat die Kamera es schwer, Bodo Hells temporeichem Leben bergauf und bergab hinterherzukommen. Autorenkollege Manfred Mittermayer sagt: „Einer der Begriffe, die mir im Zusammenhang mit ihm sofort einfällt, ist Beweglichkeit.“ Und zwar als Lebensentwurf; mitsamt Schnelligkeit und Flexibilität im Denken, Bewegen und Schreiben. Es zeichne Bodo Hell aus, dass er sich „immer und neugierig von einem Segment dieser Realität zum anderen weiterbewegt“. Nie stehen bleibt, nie stoppt.

„Hast du Angst vor dem Tod?“, fragt ihn Mair einmal ganz direkt. „Das kann man nicht wissen“, sagt er. Und in Momenten wie diesen schwingt die Nachricht von seinem Verschwinden im August 2024 wie ein Nebenstrang der Geschichte mit.

„Die Welt kommt immer rein“

Wie er die Beziehung zur Welt herstelle? „Die Welt kommt immer rein, die muss man nicht herstellen“, sagt der Chronist, Sammler und Bewahrer Bodo Hell ein anderes Mal. Sie überfalle einen. Diese Verbindung zur Welt, zur Natur, zum Menschsein und Miteinander zeigt dieser Film auf betörend vielschichtige Weise – visuell und akustisch; unterlegt vom Natursound rauschender Bäche, zirpender Grillen, tosendem Wind und Kuhglocken sowie den Texten und Darstellungen des Künstlers.

„In politischen Krisen und unsicheren Zeiten künstlerisch gemeinsam zu agieren und zu schauen, was alles möglich ist, gibt Kraft, macht Hoffnung“, heißt es in Mairs Regie-Statement. Den Einsatz für ein besseres, friedlicheres Leben hätte Bodo vorgelebt, ebenso wie das Generationenübergreifende. Deswegen hat die Filmemacherin den Avantgardekünstler mit vielen jüngeren Kolleginnen wie Filmkünstlerin Stefanie Weberhofer oder Autorin Julia Jost zusammengebracht – als Austausch auf Augenhöhe. Als Weitererzählung seines Vermächtnisses. Kinostart: in der Steiermark ab 14. Mai, in Kärnten ab 20. Mai.

Heute endet das Crossing Europe, das Katharina Riedler und Sabine Gebetsroither nah an der Gegenwart und ihren Problemen souverän programmiert haben.