In den letzten Jahren sind einige gute Bücher über Maria Lassnig erschienen. Was hat Sie veranlasst, ein weiteres zu verfassen?
MARIA NICOLINI: Zum 100. Geburtstag von Maria Lassnig hatten wir in ihrem Klagenfurter Atelier einen Tag der Offenen Tür. Es kamen rund 2000 Leute, die teilweise bis zum Heiligengeistplatz anstanden. Da gab es so Bemerkungen wie: "Ich weiß ja auch was über die Lassnig". Ich fand das interessant und dachte mir, dem sollte man nachgehen. Irgendwie ist das Projekt dann gewachsen wie eine Wildpflanze. Ich wollte in dem Buch neben einigen Anekdoten die Geschichte des Ateliers schildern und der Künstlerin selbst breiten Raum geben.

Was Ihnen eindrucksvoll gelungen ist. Wie soll es nun mit dem Atelier weitergehen?
Beim Tag der Offenen Tür haben rund 1500 Leute unterschrieben, dass es dauerhaft geöffnet sein soll. Es hat dazu diese Woche ein informelles Gespräch mit der Stadt gegeben. Uns selbst ist erst allmählich klar geworden, dass man das Atelier unbedingt erhalten muss.
Dabei wäre es beinahe der Spitzhacke zum Opfer gefallen.
Ja, weil die Behörde und die Baumeister gesagt haben, dass man die Ruine nicht mehr retten kann. Als schließlich die Baufirma den Dachstuhl entfernen wollte, habe ich spontan entschieden: Das Atelier wird erhalten! Nach der Renovierung machte ich für zahlreiche Gruppen Führungen und erstellte ein Nutzungskonzept, das nun der Stadtregierung als Entscheidungshilfe dienen könnte.

Autorin und Professorin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt: Maria Nicolini
© KK

Die Stadt Klagenfurt hat erst kürzlich das Ingeborg-Bachmann-Haus in der Henselstraße übernommen. Mit welchen Argumenten könnte man die Politik für einen "Lassnig-KunstOrt" gewinnen?
Weil es ein Unikat wäre, ein Place-to-be-seen, eine internationale Attraktion. Klagenfurt ist für diese Weltkünstlerin ein einzigartiger Ort: Hier ist Lassnig aufgewachsen und zur Schule gegangen, hier hat sie ihre ersten sechs Jahre als Künstlerin verbracht, ihre ersten Liebschaften erlebt – und ihren ersten Skandal, wegen des berühmten roten Penis des von ihr porträtierten Dichters Michael Guttenbrunner.

Sie haben privat viel Geld und Mühen in die Revitalisierung des Lassnig-Ateliers investiert. Was würde dessen dauerhafte Öffnung kosten?
Die Betriebskosten werden wohl nicht gering sein, es müsste ein Nutzungsvertrag geschlossen werden. Es braucht auch gar nicht viel an Einrichtung, ein paar Vitrinen und Monitore, auf denen man Filme und Interviews zeigt. Auch Artist in Residence-Programme wären möglich. Ich glaube, dass ein solches Projekt auch den Bund etwas angeht.

Was macht Maria Lassnig für Sie so einzigartig?
Abgesehen davon, dass sie eine fantastische Malerin war, hat sie ein neues Körperbild entdeckt. Sie hat das, was man im Innern spürt – Schmerz, Angst etc. – in genialen Bildern ausgedrückt. Der innere Zustand des Menschen, den sie am eigenen Beispiel zeigt, ist durch sie eine Kunstrealität geworden. Ihre "Body Awareness" ist in der Kunst einmalig.

Blick in das revitalisierte Lassnig-Atelier in der Klagenfurter Klostergasse
© Hannes Pacheiner

Hatten Sie mit Maria Lassnig auch persönlich zu tun?
Mein Onkel und meine Tante hatten Kontakt zu ihr und ich war da als Kind manchmal mit dabei. Erst als das Quelle-Kaufhaus auf dem Heiligengeistplatz großteils leer stand, also vor ungefähr 15 Jahren, hatte ich mehr Kontakt mit ihr. Ich wollte das Atelier nach Süden öffnen und eine ganze Etage des angrenzenden Quelle-Hauses für diverse Aktivitäten nutzen. Die Liegenschaft gehörte damals aber einer Gesellschaft in Amsterdam, die das nicht sehr interessiert hat.

Neu geplant wird derzeit der Heiligengeistplatz, für den Sie einen Lassnig-Brunnen vorschlagen. Wie soll dieser aussehen?
Es gibt noch keine genauen Pläne. Wenn der jetzige Busbahnhof wegkommt und auf dem Platz vielleicht eine Grünfläche entsteht, dann würde ein Lassnig-Brunnen wunderbar dorthin passen. Ich hätte auch schon einen Sponsor. Auch die Lassnig-Stiftung hält die Idee für gut.

Hat Lassnig selbst einmal einen Brunnen entworfen?
Nein, aber es hat im Essl-Museum eine Ausstellung mit Objekten von ihr gegeben, sie könnten als Ausgangspunkt für einen künstlerischen Wettbewerb dienen. Es hängt derzeit alles von der Planung des Platzes ab.

© Ritter

Eine Hommage mit kostbaren Erinnerungen

"Sie war die strenge Professorin, die uns beim Malen mit unermüdlichem Schweigen über die Schulter schaute (...). Sie war auch die Kartenspielerin, die nicht verlieren konnte (...), die Künstlerin, die sich ihrer Bedeutung wohl nicht bewusst war und möglicherweise Hemmungen hatte, die Karriere ihrer Studentinnen zu fördern". So beschreibt Ursula Hübner im Band "Maria Lassnig – Ich bin ganz Landschaft" ihre einstige Lehrerin an der Wiener Kunstakademie. Herausgegeben und großteils verfasst von der Klagenfurter Universitätsprofessorin Maria Nicolini, birgt das bei Ritter erschienene Buch auch kostbare Erinnerungen von anderen Meisterschülern der 2014 verstorbenen Doyenne der österreichischen Nachkriegsmalerei, etwa ihrer Kärntner Landsleute Markus Orsini-Rosenberg, Hans Werner Poschauko oder Guido Katol. Letzterer verbrachte etliche Monate in Lassnigs erstem eigenen Atelier, dem Nicolini ein zentrales Kapitel ihres Buches widmet (siehe auch Interview links). In diesem werden die künstlerischen Anfänge der gebürtigen Krappfelderin ebenso lebendig – etwa ihre stilistische Selbstfindung zwischen Surrealismus, Kubismus, Informel und Körperbewusstseinsmalerei –, wie ihre privaten Triumphe und Niederlagen, zum Teil verursacht durch Liebhaber wie Arnulf Rainer & Co. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Lassnigs Beziehung zur Literatur (Katharina Herzmansky), ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung (Anna Schober, Irmgard Bohunovsky) oder ganz allgemein mit den Klagenfurter Nachkriegsjahren (Werner Drobesch). Zu Wort kommen auch Oliver Ferra, Lassnigs letztes Modell, der Kulturmanager Hans Widrich oder Hubert Sielecki, der den Animationsfilm "Kantate" realisierte. Dabei erfährt man unter anderem, dass sich Lassnig einmal mit einer Kärntner Salami gegen einen New Yorker Einbrecher wehren wollte, ein fotografisches Gedächtnis hatte, mit dem sie Menschen aus der Erinnerung porträtieren konnte, oder gegen ihren Mieter Victor Rogy prozessierte, weil dieser nicht aus ihrem Gartenhaus ausziehen wollte.
Ein besonderer Schatz des Buches sind Nicolinis Beschreibungen von Bildern, etwa des titelgebenden Gemäldes "Ich bin ganz Landschaft", frühe Selbstporträts sowie Fotografien, die Lassnig im Kreise ihrer Schüler, im Outfit einer Punkerin oder gar im Evakostüm zeigen. Nach Natalie Lettners Biografie und Kirstin Breitenfellners Roman "Maria malt" ist nun dieses Buch eine weitere gelungene Hommage an die große Künstlerin und eine Pflichlektüre für alle Lassnig-Fans.