Ein extralanges Faltblatt im Programmheft gibt die Richtung vor: Eng schmiegen sich darauf die Ensemblemitglieder aneinander. „Du bist nicht allein“ lautet die Devise für die Burgtheatersaison 2022/23. Direktor Martin  Kušej beschwört bei der Programmpräsentation das Theater „als Zufluchtsort“ in Zeiten von Bedrängung und Irritation.

Geplant wird hoffnungsfroh mit je acht Burgtheater- und Akademietheater-Premieren und weiteren acht in den kleineren Spielstätten Kasino und Vestibül. Elf Ur- und Erstaufführungen sind darunter – die Dramatisierung des jüngsten Handke-Werks „Zwiegespräch“ in der Regie von Burg-Debütantin Rieke Süßkow (Premiere: 8. Dezember) ebenso wie die Bühnenversion von Daniel Kehlmanns Filmscript „Nebenan“ mit Norman Hacker und Florian Teichtmeister (Premiere: 15. Oktober). Hier wird Kusej selbst Regie führen, detto zu Saisonende bei Tena Štivičićs generationenüberspannender Familien- und Jugoslawiengeschichte „Drei Winter“.

Dazwischen liegt eine solide Saison mit einem, so Kušej , erfreulichen „Übergewicht an Frauen“ - zwar werden mehr Autoren als Autorinnen gespielt, es inszenieren aber mehr Frauen als Männer: Den Saisonauftakt am 4. September markiert das Burgtheater mit der Salzburger Festspiel-Koproduktion „Ingolstadt“ nach Marieluise Fleißer (Regie: Ivo van Hove). Am Akademiethetaer folgen Werke von Suzanne Andrade (Please Right Back, ab 8. Oktober, Regie: Andrade und Esme Appleton), Kušejs Wiederentdeckung Maria Lazar („Die Eingeborenen von Maria Blut“, ab 20. Jänner 2023, Regie: Lucia Bihler), die Adaption von Yasmina Rezas Roman „Serge“ (Regie: Lily Sykes) und „Chopins Herz“ nach Geschichten von Olga Tokarczuk, umgesetzt von Dead Centre. Und das Kasino ist ab Februar Schauplatz der Uraufführung von Raphaela Edelbauers Roman „Das flüssige Land“ (Regie: Sara Ostertag).

Den Reigen österreichischer Dramatik macht Barbara Freys Inszenierung von Schnitzlers „Das weite Land“ im Akademietheater (Saisonauftakt am 2. September, mit Michael Maertens und Katharina Lorenz), Thomas Bernhard („Am Ziel“ im Kasino, inszeniert von Matthias Rippert) und auf der großen Bühne Ferdinand Raimund „Die gefesselte Fantasie“ (Regie: Herbert Fritsch) und Hórvaths „Kasimir und Karoline“ (Regie: Mateja Koleznik) komplett – und, wenn man so will, Mozarts „Zauberflöte“, sehr frei interpretiert“ von Nils Strunk. Ein Wiedersehen gibt es an der Akademie auch mit Tony Kushners „Angels in America“ - Daniel Kramer inszeniert.

Mit Klaus Maria Brandauer ist „ein Geheimprojekt“ in Planung. Starträchtig ist auch die Dramatisierung von Dostojewksijs „Dämonen“, inszeniert von Johan Simons: Nicholas Ofczarek, Peter Simonischek, Maria Happel, Birgit Minichmayr stehen da auf der Burg-Bühne (ab 25. November). Zweiter Adaptionskracher aus der Weltliteratur: „Der Zauberberg“, inszeniert von Bastian Kraft. Tina Lanik inszeniert Shakespeares „Wie es auch gefällt“, Anita Vulesica den Komödienklassiker „Der Raub der Sabinerinnen“ in einer Fassung von Svenja Viola Bungarten.

Acht Ensemblemitglieder verlassen das Haus, etliche in Richtung Film und TV (Kušej: „ein massives Problem, das den Ensemblegedanken in Frage stellt“), sieben kommen hinzu, darunter Nina Siewert und Ernest Allan Hausmann. Auch Kušejs Stellvertreterin Alexandra Althoff verlässt das Haus mit Saisonende, ihr folgt, von Düsseldorf kommend, Katrin Hiller nach. Voraussichtlich im September wird nach der Staatsoper auch die künstlerische Leitung des Burgtheaters neu ausgeschrieben. Gefragt, ob er sich wieder bewerben werde, macht Kušej, dem in der Wiener Szene zuletzt eine gewisse Lustlosigkeit unterstellt wurde, klar Schiff: „Ich bin ja noch längst nicht fertig hier – natürlich!“