Premierenkritik"Erniedrigte und Beleidigte": Wie man den Weltschmerz ausschlachtet

Willkommen im Theaterzirkus: Sascha Hawemann schlachtet Dostojewskis Roman "Erniedrigte und Beleidigte" aus und ergänzt um aktuelle Themen. Es bleiben: einige bildgewaltige, fieberhafte Szenen und ein Abgang mit David Bowie.

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Regisseur Sascha Hawemann findet bildgewaltige Szenen am laufenden Band © Volkstheater
 

Auch bei der zweiten Volkstheater-Premiere im schütter besetzten Haupthaus schöpft Regisseur Sascha Hawemann mit dem 1861 publizierten Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ von Fjodor M. Dostojewski inszenatorisch aus dem Vollen. Der russische Schriftsteller skizzierte mit seismografischer Tiefenschärfe die Umbrüche einer Gesellschaft, der es an Perspektiven mangelt, aber auch an Essen, Seelenheil und Utopien. Gier, Verachtung oder Kränkung nisten sich in den Leerstellen ein.
Der Weltschmerz wird in Hawemanns Neuinterpretation gnadenlos ausgeschlachtet und um aktuelle Kommentare zu Diversitätsfragen oder Klimawandel erweitert. Auf eine Psychologisierung des Stoffs oder der Figuren wird verzichtet. Stattdessen füllen knallige Bildgewalt, der Live-Sound von E-Gitarre oder Piano live (Musikdesign: Xell.), grelles Lichtdesign (Paul Grilj) und eine gehörige Lust an der Dekonstruktion die Bühne bis in die hintersten Eingeweide aus. Nur keine Dezenz zeigen.
Das Bühnenbild (Wolf Gutjahr) beherbergt ein Pappkarton-Kreuz, dünne weiße Plastikvorhänge, ein Krankenbett und eine fahrbare Badewanne. Die unglückliche Dreiecksgeschichte steht im Fokus: Wanja liebt Natascha. Die begehrt Aljoscha. Der würde sie eh lieben, hätte nicht sein Vater, Fürst Walkowski, beschlossen, er müsse Katja, Erbin aus reichem Hause, heiraten. Wäre das nicht schon kompliziert genug, sind mehrere Rollen mit mehreren Personen besetzt, gewechselt wird mitunter in einer Szene. Als auch autobiografische Dichter-Figur Wanja treten Frank Genser, Uwe Schmieder und Samouil Stoyanov auf.

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