PremierenkritikBecketts "Endspiel" am Wiener Volkstheater: Das Nichts ist auch nur ein absurder Witz

Das Wiener Volkstheater wärmt sich mit Becketts "Endspiel" für die nächste Saison auf. Motto: Alles ist sinnlos, aber dabei wenigstens unterhaltsam.

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Frank Genser, Uwe Schmieder: qualvolle Symbiose in einer aschenen Welt © Volkstheater/Nikolaus Ostermann
 

Schon bevor es los geht, geht es los: Im Zuschauerraum ist es noch hell, als in der Guckkasten-Schuhschachtel Samuel Becketts „Endspiel“ seinen Anfang nimmt: Ein Raum, nur mit Kreidestrichen möbliert, Schwarzlicht, schnarrend ominöse Bassklänge. Ein Mann umkreist einen anderen: Willst du, das sich dich verlasse? – Natürlich. – Dann werde ich dich verlassen. – Du kannst mich nicht verlassen.

Verdichteter Dialog, oder besser: dramatische Essenz, in gefühlt ad infinitum wiederkehrenden Loops. Hamm und Clov, Herr und Knecht, zusammengeworfen in einer Welt, die aufgehört hat zu existieren. Der Herr ist blind und an den Rollstuhl gefesselt, der Knecht ist unfähig stillzustehen oder gar zu sitzen, kann aber auch nicht mehr gerade gehen. Die Zeit läuft ebenso im Kreis wie Clov, der seinen Herrn wieder und wieder verlassen will, aber den Schritt durch die Tür nicht schafft.

Das Stück, das Beckett selbst sein bestes genannt haben soll, erzählt von der Ausweglosigkeit und Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz. Hoffnungslosigkeit und unvermeidlicher Verfall sind die einzigen Sicherheiten in dieser aschenen Welt, in der das Meer aufgehört hat zu rauschen und kein Lufthauch sich mehr regt. Als Clov dann doch einmal das Fenster öffnet, steht da in großen Kreidelettern: NULL.

Wer sich in das Nichts fügt, kann hier auch absurden Witz erleben. Tatsächlich ist Kay Voges‘ an Text rigoros ausgelichtete Inszenierung ziemlich unterhaltsam. Mit etlichen trockenen Pointen und wohl dosiertem Slapstick. Der neue Intendant des Wiener Volkstheaters hat „Endspiel“ vor neun Jahren am Dortmunder Theater inszeniert, damals in Korrespondenz zu „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz. Nun steht die Inszenierung für sich allein. Wie auch Bernhards „Theatermacher“ hat Voges aus Dortmund „Endspiel“ zum House Warming des frisch renovierten Volkstheaters mitgebracht, in dem er nach dem langen Lockdown nun erst im Herbst seine erste echte Spielzeit aufnehmen kann.

Das Spiel von der Absurdität der menschlichen Existenz entstand 1957 wohl unter dem Eindruck des Kalten Krieges, die Inszenierung 2012 vor dem Hintergrund von Finanz- und Klimakrise. Dieses Jahr hat seinen eigenen Notstand, so kriegt man hier schön schlüssig vor Augen geführt, wie Theater je nach Kontext neue Bedeutungszusammenhänge erschließt: Bedrohung ist immer. Dazu tragen aggressive Licht- und Soundeffekte wesentlich bei. Schritte, Gesten, Grimassen werden von Live-Geräuschemacher Sebastien Hartl zum Comic-Effekt überzeichnet. Und als groteske Clowns im Nirgendwo brillieren Frank Genser und Uwe Schmieder in qualvoller Symbiose. Ihr energetisches Zusammenspiel macht Becketts Wiederholungsrituale, von Voges ausgiebig multipliziert, 90 Minuten lang aushaltbar. Und entlässt das Publikum am Ende mit einem ungewohnten Hoffnungsschimmer: Wenn man schon auf der Welt nirgendwo aufgehoben sein kann, dann vielleicht im anderen, im menschlichen Gegenüber, auf irgendeine Weise, räsoniert Hamm, als sich die Einsicht in das Ende aller Tage nicht mehr aufschieben lässt.

Das erklärt nicht nur die Unentrinnbarkeit menschlicher Beziehungen, sondern lässt sich auch als Anleitung zum Überleben von Apokalypsen lesen. Beckett wäre das so zwar nicht ausgekommen. Aber ein trostbedürftiges Publikum spendete dafür langen Applaus.

Zum Stück

Endspiel. Von Samuel Beckett. Wiener Volkstheater, Tel. (01) 52 111-400. Regie: Kay Voges. Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch. Kostüm: Mona Ulrich. Mit: Frank Genser, Uwe Schmieder. Wiederaufnahme im Herbst.
www.volkstheater.at

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