Im InterviewKarl Fischer: "Die Welt war voller alter Nazis"

Schauspieler Karl Fischer verkörpert im Diagonale-Eröffnungsfilm den steirischen Nazi Franz Murer. Über Ewiggestrige 2018, seine Kindheit in den 1960ern und versteinerte Mienen.

Versteinerte Miene, stocksteife Haltung: Karl Fischer (Mitte) mimt Nazi-Scherge Franz Murer © Prisma Film
 

Im neuen Film von Christian Frosch, „Franz Murer – Anatomie eines Prozesses“, schlüpfen Sie in die Rolle jenes Mannes, der als „Schlächter von Vilnius“ mitverantwortlich für den Tod Zehntausender Juden in Wilna war und der 1963 trotz drückender Beweislast bei einem Geschworenen-Prozess in Graz freigesprochen worden ist. Wie nervenstark muss man für so eine Rolle sein?
KARL FISCHER: Für mich war das die schwierigste Rolle, mit der ich jemals zu tun hatte. Die Schwierigkeit liegt darin: Die Figur hat immer recht – auch eine böse Figur. Das war beim Murer schwer. Ich bin selbst im Jahr 1956 geboren und die Welt damals war voller alter Nazis. Der Kameradschaftsbund hat eine große Rolle gespielt. Ich habe es erlebt: dass den Leuten nichts leidgetan hat. Und diese Ideologie, dass Juden Ungeziefer sind, die ist geblieben. Nun gibt es großes Erstaunen darüber, dass die Insrigen wieder da sind.


Beispiel NS-Liederbuchaffäre und andere Medienberichte: Sind Sie erstaunt darüber, dass es anscheinend noch so viel ewiggestriges gefestigtes Nazitum in Österreich gibt?
Ich bin nicht erstaunt, denn ich habe die Verdrängung mitbekommen. Es ist ja viel leichter, die Schuld woanders zu suchen und jemanden zu verhetzen, als sich bei der eigenen Nase zu nehmen und zu versuchen, zu anderen nett zu sein. Es muss immer irgendjemanden geben, der schuld ist. Jetzt sind es halt die Ausländer. Aber ich glaube, die Juden sind es auch noch immer. Ich habe das Gefühl gerade: Man darf wieder alles sagen, alles wird rausgekotzt. Seit es Internet und Handy und Smartphones gibt, wird das auch alles noch ohne Ende multipliziert. Ich finde das sehr traurig.


Erinnert Sie in der Gegenwart eigentlich gerade auch etwas an Ihre Kindheit in den Sechzigern?
Schwierige Frage. Was mich so irritiert: Vielleicht leben wir jetzt wieder, wenn auch in ganz anderer Form, in so komischen Vor-Dreißigerjahren. Diese Angst habe ich vielleicht. Alle rüsten auf und alle, auch sehr viele Medien, schreiben jeden Tag von irgendwelchen Vergewaltigungen von Ausländern. Meine Frau engagiert sich auch sehr in der Flüchtlingshilfe und betreut Afghanen. Das sind ja alles lauter nette Menschen! Aber angeblich machen die die ganze Zeit ganz viele schlimme Dinge. Es ist halt viel einfacher, die Leute zu verhetzen! Das Schlimme ist, dass man das Verhetzen nicht mehr rückgängig machen kann.


Wie haben Sie sich vorbereitet? Der Fall Murer, der bis zu seinem Tod als geachteter Großbauer gelebt hat, war vor dem Buchprojekt und dem Film nahezu unbekannt.
Ich habe viele Zeitungsartikel gelesen und mich auch in vielen anderen Quellen aus der Zeit informiert. Und der Vater von Michael Ostrowski hat mich mit einem Mann bekannt gemacht, der den Murer noch persönlich gekannt hat, mit ihnen beiden habe ich mich auch getroffen.


Sie spielen den Angeklagten Murer mit versteinerter Miene und fast körperlich schmerzender stocksteifer Haltung.
Ja, und nachher hatte ich immer ein bisschen Muskelkater davon, weil ich immer so lang auf einer Holzbank gesessen bin und lange Passagen durchgespielt habe. Und dieses Gerade und dass man keine Emotionen zeigt, das war in den Sechzigern typisch. Die Menschen damals waren irgendwie versteinert. Und immerzu gerade. Ich kann mich ja noch erinnern, dass man als Kind eines ins Kreuz gekriegt hat und sie einem dauernd gesagt haben: Sitz gerade! Wie hängst du denn da?


Was hat Sie als Schauspieler an dieser Figur gereizt?
Die Sechziger waren ein bisschen eine grauslige Welt. Es war nicht so lustig. Dass man sich nun damit beschäftigen kann, dass es möglich ist, Dinge abzuarbeiten, das hat mich gereizt. Und auch der Frage nachzugehen: Wie sind diese Leute innerlich so verhärtet geworden? Was hat die erschüttert?

Zur Person

Karl Fischer, geboren am 8. 12. 1956 in Ybbs an der Donau.
Lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Susi Stach, in Wien.
Karriere: Max-Reinhardt-Seminar, Engagements in Bonn, München, am Burgtheater in Wien.
TV: u. a. „Donna Leon“, „Der Briefbomber“, „Landkrimi“,"Janus“, „Pregau“.
Film: „Silentium“, „3faltig“, „Chucks“ u. a.


Was wünschen Sie denn dem Film?
Viele, viele Zuschauer. Die, die das noch erlebt haben, sind ja schon sehr alt, vielleicht sehen ihn nicht mehr viele davon. Aber ich wünsche mir, dass es junge Leute gibt, bei denen dieser Film vielleicht einen Wandel auslösen kann.


Wie wichtig finden Sie es, dass der Film gerade jetzt und in der Stadt des Prozesses, in Graz, seine Weltpremiere feiert?
Das finde ich sehr wichtig, wenn man gerade die Nachrichten konsumiert. Das Blöde ist nur: Diese Leute werden wohl nicht reingehen.

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Danke für Ihr Verständnis.

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