Handke-Pressekonferenz"Ich bevorzuge Toilettenpapier gegenüber Ihren leeren Fragen"

Die Pressekonferenz mit Peter Handke ist geschlagen: Zum großen Eklat kam es nicht, drängende Journalistenfragen blieben aber nicht aus. "Ich bevorzuge Toilettenpapier, einen anonymen Brief mit Klopapier, gegenüber ihren leeren und ignoranten Fragen", sollte der Literaturnobelpreisträger sagen. Ein Protokoll.

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Peter Handke bei der Pressekonferenz in Stockholm © APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND
 

Für etwaige Proteste war man vorbereitet. Einige "Polis"-Wägen standen vor dem Eingang der Källarvägen 4 - dem Zuhause der Schwedischen Akademie in Stockholm. Aktivisten oder Demonstranten waren am Dienstagnachmittag aber keine zu sehen. Nur Adventmarkt-Besucher am hinreißenden Stortorget mit seinen schwedenroten Häuschen voller dampfenden Glöggs und Lakritzstangen vor der berühmten Kulisse bunter Barockhäuschen.

Vor dem Eintreten musste man seinen Vornamen nennen (wir sind in Schweden) und sein Medium, ein Security-Mann kontrollierte, ob man auf der Liste steht, und nachdem man seinen Presseausweis vorgezeigt hatte, durfte man in das Gebäude in Sichtweite auf das Schloss eintreten. Einen Stock höher wurde alles noch einmal kontrolliert und noch einen Stock höher nahm man im prunkvollen Raum mit golden verkleideten Wänden und unter Lustern Platz. Rund 70 Journalisten sollten es am Ende sein, die auf die Pressekonferenz mit Olga Tokarczuk, der Literaturnobelpreisträgerin von 2018, und Peter Handke, Literaturnobelpreisträger 2019, warteten. Die Scheinwerfer der Kameras (13 waren es) schwenkten probeweise, die Akademie machte zwei Tonproben. Je näher es an die 13 Uhr kam, desto stiller wurde es im Saal. Am Ende war es mucksmäuschenstill.

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Das Setting in der Schwedischen Akademie Foto © APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Auftritt, Peter Handke

Peter Handke war als zweiter an diesem Nachmittag dran. Jener Mann, der seit Bekanntgabe der Akademie polarisierte, kritisiert und verteidigt wurde und nicht nur Debatten, sondern auch Proteste auslöste. In schwarzem Anzug und grauem Hemd betrat er den Raum, mitsamt Übersetzerin. Auf den Verweis, dass er heute seinen 77. Geburtstag begehe, stimmte eine Journalistin spontan ein Geburtstagsständchen an, das mit einem vielstimmigen "Happy Birthday, Handke!" endete.

Hören Sie hier ein Audifile der Pressekonferenz:

O-Ton von der Pressekonferenz in Stockholm © Kleine Zeitung

Der Preisträger antwortete "Tack, tack". Das schwedische Wort für Danke hat er wohl in den letzten drei Tagen, in denen er schon in Stockholm weilt, gelernt. Seit den 1970ern sei er nicht mehr da gewesen. Er wird eingangs gefragt, ob er hier schon etwas in sein Notizheft geschrieben hätte. "Not really", gestand Handke, der großteils auf Englisch antwortet. Er erzählte von einer Skizze eines Rembrandts im National Museum, das er besucht hatte. Leichtes Einstiegsgeplänkel.

Um das harte Thema kreisen

Es folgt eine Aufwärmfrage einer Journalistin der "New York Times", die von ihm wissen möchte: Wie könnte dieser Preis Ihr Schreiben verändern?" Handke freut sich über die Frage: "Es wird sich sicher nichts verändern." Wer fängt nun mit den wichtigen Fragen an? So in etwa mutete die Stimmung im Saal an. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Dichter aus Kärnten ein Interview abgebrochen hätte oder das Gespräch in einem Wutanfall enden ließ. Alle sind also ein bisschen vorsichtig, abwartend. Handke wird über mehrere Ecken gefragt, wie er, der die Sprache so oft erfunden hätte, kaum eine für den Jugoslawienkrieg hatte.

"Es ist eine sehr lange Geschichte. Ich denke, es ist nicht der richtige Moment, diese Geschichte hier noch einmal zu erzählen", sagt Handke. Schluss. Frage umschifft. Das gelingt ihm zunächst. Wie er denn auf die angekündigten Proteste bei der Verleihung am Dienstag reagieren werde, fragte ein Journalist der größten schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter": Er wisse es nicht, sagte Handke, verwies auf Proteste bei der Ibsen-Preisverleihung vor fünf Jahren in Oslo und seinen erfolglosen Versuch, mit den Demonstrierenden zu reden. Er setzte kurz ab und sagte dann in schärferem Ton: "Sagen Sie es mir! Vielleicht brauche ich Ihren Rat." Punkt. Mehr folgte nicht. Das Mikrofon wanderte weiter. Die Stimmung blieb angespannt.

Auftakt zum Abbruch

Nach einigen einfacheren Fragen nach neuen Projekten kam ein US-Journalist auf Srebrenica zu sprechen und Handkes Haltung in seinen Büchern. Da holte der Dichter Luft und sagte zunächst: "Ich mag ihre Fragen, können sie weiterfragen?" Die Antwort des Fragestellers: "Eine nach der anderen." Handke: "Fahren Sie fort". Auf so etwas schien der 77-Jährige vorbereitet zu sein. Er antwortete nicht. Danach holte er einen an ihn adressierten und auf Englisch verfassten Brief heraus. Er hätte, so Handke, in den letzten Wochen viele wundervolle und herzliche Briefe seiner Leserinnen und Leser erhalten. Und diesen einen, er holt ihn heraus, faltet ihn auf und liest vor: "Dear Peter". Er kenne den Verfasser nicht, aber dieser nenne ihn "Dear Peter" wundert sich Handke.

Dem Dokument sei benutztes Klopapier beigelegt gewesen,  "einer Art Kalligrafie von Scheiße", und der Verfasser habe ihm unter anderem das Ignorieren gesicherter Fakten vorgeworfen, auch mit dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump sei er verglichen worden. Handke las die im Brief geäußerten Vorwürfe vor. Danach sagte Handke, der Pressekonferenz offenbar überdrüssig geworden: "Ich bevorzuge Toilettenpapier, einen anonymen Brief mit Klopapier, gegenüber Ihren leeren und ignoranten Fragen." Als der Wortwechsel zu eskalieren drohte, beendete die Akademie die Pressekonferenz. Der Vorhang fiel, kurzer Schlussapplaus. Um es in der Theatersprache zu sagen.

Handke in Zitaten

"Ich schreibe nie mit einer Meinung. Ich hatte nie eine Meinung. Ich hasse Meinungen. Ich mag Literatur, nicht Meinung."

"Ich mag Grenzen, ich mag Grenzziehungen. Es hängt davon ab, welche." (Auf die Frage einer Journalistin, ob es Grenzen für Literatur gebe)

"In den letzten acht, neun Wochen habe ich viele wundervolle Briefe bekommen, die von den Herzen der Leser kamen. Leser von Literatur. Es waren viele, ich nenne die Zahl nicht. Aber nur einer war ein anonymer Brief, der nicht vom Herzen kam. Da war Toilettenpapier drin, das eine Art Kalligrafie von Scheiße hatte. Und ich sagen Ihnen allen , die hier Ihre Fragen stellen wie dieser Mann. Ich bevorzuge Toilettenpapier, einen anonymen Brief mit Klopapier, gegenüber ihren leeren und ignoranten Fragen. Ich nehme den Anlass wahr, um mich für diese wundervollen Briefe, die ich nicht beantworten konnte, zu bedanken. Das war eine wundervolle Sache."

"Sagen Sie es mir. Vielleicht brauche ich Ihren Rat. Ich erinnere mich an Oslo vor 4 oder 5 Jahren, als ich für den Ibsen-Preis dort war. Da waren viele Proteste, als ich zum Nationaltheater kam. Es wurde "Faschist" gerufen und ich bin stehengeblieben und wollte mit den Damen und Herren reden. Aber sie wollten nicht mit mir reden. Also weiß ich nicht, was ich tun soll. Es war kein Dialog möglich."
(Auf die Frage eines Journalisten, wie er, Handke, auf die Proteste gegen ihn reagieren wolle)

"Ich hatte vielleicht eine idealistische Idee, die aber nicht real ist."
(Auf die Frage eines Journalisten, wie es um seine angekündigte Geste der Versöhnung bestellt sei.)


"Das ist eine sehr lange Geschichte und um sie hier wieder zu erzählen, ist nicht der richtige Moment."
(Auf die Jugoslawien-Debatte angesprochen)

"Überhaupt nicht, da bin ich mir sicher. Ich bin nie sicher, aber in dieser Sache schon. Ich mache weiter, wie ich begonnen habe, durch das Leben zu reisen."
(Ob sich das Schreiben nach dem Preis verändern wird)

"Ich will keine Ihrer Fragen beantworten. Meine Leute sind Leser, nicht ihr."
(Als Abschiedsgruß an die versammelten Journalisten.)

Olga Tokarczuk bei der internationalen Pressekonferenz Foto © AP

Da war ja noch etwas

Vor diesem dramaturgisch interessanten und packenden Presse-Akt war die zweite Literaturnobelpreisträgerin an der Reihe gewesen: die Polin Olga Tokarczuk, die auf Polnisch antwortete. Der anwesende Übersetzer antwortete nicht unholprig auf Englisch. Die 57-Jährige hatte davor schon verlautbart, einen großen Teil ihres Preisgeldes über eine Stiftung kulturellen Projekten, Autoren und Übersetzern und Organisationen, die sich um Menschen- oder Tierrechte kümmern, zukommen zu lassen. Polnische Journalisten fragten sie auch nach der Situation in ihrem Heimatland, ein Reporter der lokalen Tageszeitung der schwedischen Insel Gotland, wo Tokarczuk eine Zeit lang gelebt hatte, fragte sie, ob sie wieder einmal dort leben möchte. Und eine Reporterin des schwedischen Fernsehens befragte sie zur Tatsache, dass sie insgesamt erst als 15. Frau (und insgesamt erst als 4. Person aus Polen) den Literaturnobelpreis erhalte. Ihre Antwort: "In Zukunft werden es mehr Frauen sein". Nach nur 18 Minuten war Tokarczuks Part zu Ende.

 

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Danke für Ihr Verständnis.

chbinter
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Literaturpreisträger???!

Abgehoben und arrogant!!! Wo bleiben die gepriesenen "bodenständigen Wurzeln" ???

helmutmayr
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Armer alter

Mann. Er sollte den Preis ausschlagen. Aber die Knete.

diss
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Mir geht dieser Mensch

mit seinen primitiven Äußerungen schon so auf die Nerven. Er wirkt einfach erbärmlich. Ich würde nie ein Buch von ihm kaufen.

wahrheitverpflichtet
1
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SCHEINHEILIGKEIT!

ES IST ihnen frei nicht handke zu lesen es ist ist ihnen frei sich tod zu ärgern über das ihnen scheinbar unscheinbare in ihnen es ist ihnen aber nicht frei in ignorant zu nennen den wenn sie nicht handke Werk lesen bzw lasen wie können sie ihn dann verwerflich ignorant nennen? WAS VERSUCHTE HANDKE UNS durch seine werke mit zu teilen? WILL Er was mitteilen oder will er einfach nur schreiben und den Lesern innen selber entscheiden lasen was sie in seinen werken frei von vorurteilen erkennen können? der Geschichten Erzähler handke erstaunend seine viel fallt seiner sprachlich nicht oft gleich zu erkennenden Gefühlswelten hört hinein in seine Ansprache und seit frei von vorurteilen seht wie er in seiner Ansprache uns teilhaben lest an all seinen Gefühlen die er in sich trägt, dies zeigt doch die Wahre Größe dieses Künstlers der wie ich selber er Staunend heute erfahren durfte all das ansprach was er so oft den fragenden scheinbar verwerte BRAVO PETER HANDKE nicht die Heuchelei ist das ihre sondern die Kunst und die ist dank der Vielfältigkeit frei frei frei was kann man machen dehnen was zu erklären die die Erklärung für sich gepachtet haben!

bluebellwoods
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Wenn ihm der Preis und das Interesse an seiner Person so zuwider ist

hätte er den Preis auch einfach ausschlagen können. Wenn er von den Medien keine Bühne bekommen würde, dann wäre sein Herumgezicke wohl bald erledigt.

hfg
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Grundsätzlich wird nicht über Literatur

gesprochen sondern nur über Handke / ich verstehe seine Reaktionen und würde ähnlich verärgert sein und vermutlich handeln.
Wenn ein Pianist ein Konzert gibt interessiert mich auch seine politische Einstellung nicht.

GordonKelz
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ER SELBST WAR ES DOCH....

...der sich politisch für die SERBEN stark gemacht hat!
Wiederhole es: Er hat einen schweren Fehler begangen, das weiß er auch...aber er " kann"
als " Handke " nicht zurück....glaubt er zumindest !
Gordon Kelz

calcit
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Doch, würde mich auch interessieren...

...vor allem wen dieser Pianist öffentlich Kriegsverbrechen negiert und Diktatoren verteidigt...

hfg
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Ich vermute das die meisten Journalisten die Bücher nicht gelesen haben

Wenn man dann nur und ich betone nur über das politische Thema aus Sensationslust immer wieder fragt und spricht, dann ist das Verhalten von Handke zu verstehen. Das er auch anders reagiert zeigen die Interviews der kleinen Zeitung wo sehr wohl auch die kritischen Themen angesprochen wurden.

maexchen85
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Vielleicht ist mir das ganze Geschwafel ja zu hoch 😅

Aber irgendwie scheint die Quote der weltfremden Idi..ten bei den Literaten etwas höher angesetzt als üblich. Generell fehlt es dem Herrn an Respekt und Höflichkeit anderen Menschen gegenüber. Leere Fragen sind genauso okay wie andere Fragen. Es hat jeder seine Sichtweisen und das ist auch gut und richtig so. Die Weisheit und die allesentscheidende Wahrheit gepachtet zu haben erscheint mir schon sehr überheblich

ultschi1
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Respekt und Höflichkeit,

so wie sie es in ihrem verbalen Sekret da oben vorzeigen. Schon mal ein Buch von ihm gelesen?

maexchen85
4
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Verbales Sekret... 😅

Wo haben sie denn das aufgeschnappt. Vom Handke persönlich? 😜.... um ihre Frage zu beantworten. Ja hab ich irgendwann einmal im Gymnasium mehrere Handkes lesen "dürfen" . In meinem "sinnentlerertem" Studium (es war we der Literatur oder Germanistik) ist mir leider kein Handke mehr untergekommen 😁

martinx.x
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in Kurzfassung:

arroganter Pimpf, der Preisträger.

ultschi1
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Ein Pimpf

ist ein männliches Kind. Ist ein sehr beliebter Begriff in der Hitlerjugend gewesen.
Sehen sie, was Präzision in der Sprache ausmacht?
Nicht nur Groß und Kleinschreibung.

SoundofThunder
10
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🤔

Man kann es übertreiben. Lasst ihn einfach links liegen. Das ist es was er will.