Buch der Woche Joachim Meyerhoff setzt auf heilsame Hochkomik

Fünfter Roman-Streich von Joachim Meyerhoff: Einem Schlaganfall sagt er mit Hochkomik den Kampf an, zudem brilliert er als Reise-Schriftsteller.

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Schräger Humor und das Schreiben als Selbst-Therapie: Joachim Meyerhoff © imago/Leemage
 

Auf – vorläufig – sieben Bände angelegt hat Joachim Meyerhoff seinen Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“. Den offenkundig kolossalen Fundus seiner Erinnerungen wollte er dabei durchstöbern. Keinerlei Platzrechte sollte die Gegenwart erhalten.
Es kam anders, weil ihm die Realität einen dicken Strich durch die Rechnung machte. Vor zwei Jahren erlitt er einen Schlaganfall. Womit auch die existenzielle Bedrohung ins Zentrum des fünften Romanes rückt. Aber es wäre nicht Meyerhoff, samt seiner feinsinnigen Fähigkeit, schwere Schicksalsschläge in eine oft trügerisch leichte Ironie zu verwandeln, hätte er nicht auch darauf mit einem eigenen Privatrezept reagiert. Er wollte der Krankheit mit Komik, die ja oft nahe an der Tragikomik angesiedelt ist, den Kampf ansagen. Verbunden mit der Erkenntnis, dass das Schreiben zu einer ganz wichtigen Form der Selbsttherapie und Lebensstrategie werden kann.

Zart und liebevoll


So rückt er Therapien ins Groteske, macht sich selbst zur Witzfigur – und überspielt damit natürlich seine realen Ängste und Albträume. Den Drang zum Bizarren signalisiert bereits der Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet.“ Inspiriert dazu wird er bei einem nächtlichen Rundgang auf dem Spitalsgelände. Er entdeckt mehrere Hamster, die sich in einem Betongebilde tummeln und beobachtet sie fasziniert. Und das hintere Stromgebiet ist im Ärztejargon eine Bezeichnung für das Kleinhirn. Dort setzte sich das Blutgerinnsel fest.
Erneut zeigt sich Meyerhoff als Meister verblüffender Gedankensprünge, seine subtilen, pointierten Miniaturen rücken ihn in die Nähe von Alfred Polgar, aber der Roman ist auch reich an Zartheit und Liebeserklärungen an seine Familie.
Entdecken kann man eine neue erzählerische Meyerhoff-Rolle – jene des Reiseschriftstellers. Grandios schildert er Naturschauspiele bei Wanderungen in Norwegen, famos ist sein Bericht über eine Senegal-Reise, anfangs mit Skepsis bedacht, letztlich reich an Erkenntnissen. Nach seiner Rückkehr fällt ihm auf, wie grau, öd, geordnet das Dasein in den Städten hierorts ist. Aber grau ist eine Farbe, die in Meyerhoffs sprachlichem Malkasten nicht existiert.
Längst hat ihn das Theater völlig genesen wieder. Und das Prinzip Meyerhoffnung funktioniert, besser denn je.

Joachim Meyerhoff. Hamster im hinteren Stromgebiet. Kiepeneuer & Witsch, 316 Seiten, 24,70 Euro.

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