BeziehungsweltenVom Anfangsprickeln bis zur saftigen Abrechnung

Streifzüge durch Beziehungswelten: Beginnend bei "Germanys next Lovestory", mit viel Satire angereichert von Leif Randt, bis hin zum furiosen Romandebüt der US-Starjournalistin Taffy Brodesser-Akner. Als packende Zugabe: ein #MeToo-Thriller.

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Liebe in digitalen Zeiten: Leif Randt © Weichselbraun Kleine Zeitung Anz
 

„Man lebte noch längst nicht in dem Zeitalter, von dem viele behaupteten, dass man bereits in ihm lebe“, heißt es in einer Passage in „Allegro Pastell“ von Leif Randt. Es ist nur eine von vielen Finten oder Täuschungen. Denn mit seinem brillant geschriebenen, an unterschwelliger Ironie und Satire reichen Befund über die vermeintlich schönen neuen Beziehungswelten ist er punktgenau in der unmittelbaren Gegenwart gelandet.

Der deutsche Literat bewies schon mehrfach, dass er es hervorragend versteht, Geschichten in ein diffuses, trügerisches Licht zu tauchen, in ein Wechselspiel von vermuteter emotionaler Nähe und tatsächlicher Distanz. Diesmal schuf er eine zeitgemäße Liebegeschichte in Pastellfarben, aber sie kaschieren lediglich einen düsteren Hintergrund. Tanja und Jerome führen eine Fernbeziehung, die durchaus Modellcharakter hat. Tanja ist eine in Berlin lebende Literatin, knappe 30 Jahre alt, die es gleich mit ihrem Debütroman „PanoptikumNeu“ zu Kultstatus brachte, Jerome lebt als Mittdreißiger im Randbereich von Frankfurt/Main und klettert als Webdesigner die Karriereleiter steil nach oben.

Beide schwärmen über ihren großen Fundus an Freiheiten, spüren aber doch enge Verbundenheit. Zum Ausdruck gebracht vorwiegend durch digitalen Dauerbeschuss mit Liebesbotschaften, meist in Kürzestform samt Emojis; ehe sie beschließen, sich, fast schon altmodisch, wieder mehr Mails zu schicken. Leif Randt teilte seinen Roman, der fast tagebuchartig aufgebaut ist, wobei die jeweiligen Tage auffallend häufig mit einem exakten Wetterbericht beginnen, in drei Beziehungsphasen, beginnend im Frühling 2018, endend im Sommer 2019. Und es soll ja Menschen geben, die trotz ihres freien Blicks auf den Himmel ihr Handy befragen, wie es denn wettermäßig so steht.

Was Tanja und Jerome eint, neben der anfangs großen Liebe natürlich, sind die permanenten Selbstreflexionen, die eigenen Verhaltensforschungen, verbunden mit dem Drang, dies dem anderen unverzüglich mitzuteilen. Was sie offenkundig aber nicht bemerken, ist die Tatsache, wie exakt bemessen, bewertet, durchstrukturiert und genormt ihre vermeintliche Freiheit und Unabhängigkeit ist, da mag es bei ihren Treffen noch so viele Partys, Drogen oder Sex geben, der ebenfalls sofort einer inneren Beurteilung unterzogen wird: „85% Spannung, 15%Skills“.

„Die jungen Leute suchen wieder feste Partnerschaften. Die kurze Phase, als die Smartphones eine Schleuse hin zu einem ständig wiederkehrenden Anfangsprickeln öffneten, scheint vorüber“, schreibt Tanja in einem Mail an Jerome. Ein Schlüsselsatz.

„Allegro Pastell“ zählt zweifellos zu den herausragenden Büchern der Saison, vielschichtig, raffiniert, entlarvend, weil sich die Generation Online in vielerlei Hinsicht mitten in einer Sachgasse befindet. Klar lässt es, ganz bewusst, unterschiedlichste Deutungen zu. Aber dass dieses Werk der Wegbereiter einer neuen Jugendbewegung sei, wie der Rezensent in der „Zeit“ ohne jeglichen Tritt auf die Euphoriebremse jubelte, darf bezweifelt werden. Leif Randt schuf ein präzises, lebensbejahendes, aber auch beklemmendes Sittenbild; es hängt schief im Rahmen, aber das lässt sich ja korrigieren. Etwa durch eine Änderung der Kopfhaltung.

Leif Randt. Allegro Pastell. Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22,70 Euro.

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Die Wahrheit ist ein Trick

„Von außen ist das nicht zu sehen, aber ich weiß, ich bin im freien Fall. Weiß, jetzt schreibe ich, um gerettet zu werden“. Was soll man halten von einem offenbar verzweifelten Protagonisten, dessen Name identisch ist mit jenem des Autors? Der aber leidet seit geraumer Zeit nicht nur an einer Schreibblockade, sondern steckt auch in einer doch recht massiven privaten Krise. Seine Ehefrau Dikla hat seine jahrelangen Schönfärbereien, all die kleinen und großen Lügen satt und will ihn verlassen. Die Tochter vollzog diesen Schritt schon, sie zog sich in ein Internat zurück. Wenn es denn stimmt.

Mit dieser Ungewissheit treibt Eskhol Nevo (49) in seinem neuen Roman „Die Wahrheit ist“ ein raffiniertes Verwirrspiel. Im hebräischen Original trägt das Buch den Titel „Das letzte Interview“ und trifft damit die Ausgangslage des Werkes klarer. Um seine angebliche oder tatsächliche Schreibstörung zu mildern, beschließt Nevo, Fragen von Leserinnen und Lesern zu beantworten, wobei er, zumindest am Beginn dieses Spiels vom Fragen keineswegs frei von Eitelkeiten ist. Doch mit einer Nabelschau oder routinierten Antworten hat Nevo nur wenig im Sinn. Die Fragen werden rasch kürzer, die Antworten immer länger. Sie führen in ein desolates Privatleben und münden in den Entschluss, endlich mit sich selbst Klartext zu reden und das eigene Ego auf die Anklagebank zu setzen.

Derlei autofiktionales Schreiben steht ja nach wie vor hoch im Kurs, Eskhol Nevo betreibt es virtuos, einem Tänzer auf dem schmalen Balken der Wahrheit gleich, wobei es stets offen bleibt, ob man diesem exzellenten Geschichtenerzähler tatsächlich auch trauen kann. Nevo selbst bezeichnet sein Buch als „sehr ehrliche Fiktion“, mit viel Feingefühl geschrieben, reich an seelischen Tiefenbohrungen und zwischenmenschlichen Tragödien. Die Wahrheit ist, dass es durchaus Vergnügen bereitet, von diesem Autor auch in die Irre geschickt zu werden. An jeder Ecke warten neue Geschichten, Erinnerungen, Geständnisse über Seitensprünge, reale politische Befunde. Eine literarische Fundgrube, ob erfunden oder nicht, spielt letztlich keine Rolle.

Eskhol Nevo. Die Wahrheit ist.dtv, 430 Seiten, 22,70 Euro

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Zart, zynisch und zornig zugleich


Eigentlich verfügt Toby Fleishman über alle Voraussetzungen oder, anders ausgedrückt, Nicht-Qualitäten, um auf der Bühne des Lebens bestenfalls die Rolle des bedeutungslosen Nebendarstellers zugewiesen zu bekommen. Mit seinen 168 Zentimetern Körpergröße, seiner nahenden Halbglatze und seinem nicht unbedingt attraktiven Aussehen taugt er nicht für den Part des Frauenhelden, als Mediziner in New York besitzt er durchaus Ansehen, allerdings mangelt es ihm an der Ellbogentechnik, um auf der Karriereleiter weiter nach oben zu gelangen. Und schon in seiner Studentenzeit muss er zur Kenntnis nehmen, dass all seine Balzversuche, meist tölpelhaft und kläglich, rasch und peinlich scheitern.

Ehe er doch eine Schnitte von der Glückstorte erhält. Rachel, außerordentlich klug, hübsch und selbstbewusst, findet mehr als nur großen Gefallen an Toby. Sie werden ein Paar, heiraten, zwei Kinder sind ein weiteres Resultat einer einige Zeit durchaus harmonischen Ehe. Doch allzu rasch trampelt einer der vier apokalyptischen Reiter, Todfeind jeder Beziehung, auf Toby herum – es ist Rachels immer offener zur Schau gestellte Verachtung. Toby reicht die Scheidung ein, insgeheim bereut er diesen Schritt zwar geraume Zeit immer wieder. Aber er entdeckt eine, wie er meint, neue, aber trügerische Lebensqualität. Er wird zum Online-Dating-Junkie.

Mit 41 Jahren erlebt Tinder-Toby seinen zweiten Frühling. Plötzlich fühlt er sich umschwärmt, begehrt, er eilt von Date zu Date und hüpft von Bett zu Bett. Irgendwann allerdings dämmert ihm, dass auch dieser Hurtig-Sex nicht unbedingt abendfüllend ist.

Lebenslügen und unbequeme Wahrheiten sind die zwei markanten Eckdaten des Debütromans „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“, der in den USA für enormes Aufsehen sorgte, in England mit mehreren Literaturpreisen bedacht wurde und derzeit verfilmt wird. Das Aufsehen in den Staaten hängt mit dem Namen der Autorin dieses grandiosen und entlarvenden Erstlings zusammen: Taffy Brodesser-Akner spielte bisher als Journalistin, tätig vor allem für das „New York Times Magazine“, in der obersten Liga mit. Ihre exzellenten und subtilen, aber meist sanftmütigen Porträts etlicher Hollywood-Stars sorgten immer wieder für Furore. Nun legt sie mit einem kontrastreichen, aber auch zynischem und zornigem Gesellschaftsporträt ordentlich nach.
Ein Faszinosum ihres Romans bildet der Wechsel der Erzählperspektiven, denn natürlich sieht Toby die Chronik der Ereignisse gänzlich anders als seine Ex-Frau, zur zentralen Figur wird aber Elizabeth, eine Jugendfreundin von Toby, durchaus harmonisch verheiratet und Vollzeitmutter. Dass sie keinerlei Nebenjobs hat, bringt ihr mehr oder weniger offene Verachtung ein.

Und so glückte der Autorin ein Doppelschlag. Einerseits ist ihr Roman eine ironische, aber durchaus einfühlsame Bestandsaufnahme der Generation der „Fortysomethings“, die zielstrebig auf ein soziales Niemandsland zusteuern, anderseits ist das Werk eine Wutrede in Etappen. Sie gilt den Rollen-Klischees, aber vor allem der nach wie vor bestehenden Männerdominanz im Berufsleben.

Was diese Elizabeth mit der Autorin eint, ist die Tatsache, dass sie geraume Zeit für ein Männermagazin schrieb, durchaus erfolgreich, aber den einen, entscheidenden Schritt wagte sie nie in die Tat umzusetzen – jenen, ihre Wut, ihren Ekel über all das Gehörte, Gesagte, Gesehene ab und zu auch auf das Papier zu kotzen. Hier trifft eindeutig eine großartig aufgebaute, aber fiktive Story über das kleine und große zwischenmenschliche Versagen auf die Biografie von Taffy Brodesser-Akner. Jetzt, als Literatin, nimmt sie sich keinerlei Blatt mehr vor den Mund; nicht nur Fleishman steckt in Schwierigkeiten, sondern die Macho-Welt, die hier eine Rechnung präsentiert bekommt, die sich gewaschen hat. Ein absolut lesenswertes Werk, das reinigende Wirkung hat, es putzt den Kopf und die Seele gleichermaßen durch.

Taffy Brodesser-Akner. Fleishman steckt in Schwierigkeiten. dtv, 512 Seiten, 24,70 Euro.

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Rachefeldzug

Zur obrigen Story passend, noch ein Kurztipp zum Thema Macho-Gehabe samt den Entgleisungen. In Chandler Bakers Debütroman „Whisper Network“ starten vier Frauen ihren Rachefeldzug gegen ihren notgeilen, hemmungslosen Vorgesetzen. Das Whisper Network steht für ein Warnsystem unter berufstätigen Frauen, das auf besonders untergriffige Arbeitgeber hinweist. Ein Mund-Notfunk. Die US-Autorin schuf einen #MeToo-Thriller, mit in der Tat mörderischem Sprachwitz, über Solidarität und die Bereitschaft, angesichts der geradezu kriminellen Ignoranz zur Selbstjustiz zu schreiten und Taten zu setzen, um der Regentschaft des Vertuschens ein Ende zu setzen. Eine packende Story, das kann und soll jeder deuten, wie er will.

Chandler Baker. Whisper Network. 320 Seiten, 25,99 Euro

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