Florian Illies: Liebesgeplauder als Schreckputzmittel

Mit "Liebe in Zeiten des Hasses" setzt Florian Illies seine Geschichts-Collagen fort. Ein munterer, um Pointen bemühter Liebesreigen mit hohem Promifaktor in der Zwischenkriegszeit.

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"Chronist der Gefühle": Florian Illies © DPA
 

Mit „1913“ glückte Florian Illies vor neun Jahren ein Welterfolg. Aus einer Vielzahl von Einzelschicksalen, Mosaiksteinchen gleich, formte er in etlichen Kurzepisoden ein vielschichtiges Stimmungsbild über das Vorkriegsjahr – von tiefer Depression über naive Weltfremdheit bis hin zur fröhlichen Apokalypse. Nun taucht er mit „Liebe in Zeiten des Hasses“ (Marquez lässt grüßen) erneut ein in die Zeitgeschichte, viel länger, aber nicht unbedingt auch tiefer.

Promi-Panoptikum


Seine auch diesmal collageartig aufbereitete Expedition durch die Welt der großen Gefühle, der Affären, der großen Passionen, der heimlichen und unheimlichen Liebschaften führt durch ein Jahrzehnt – vom Jahr 1929 bis zum Jahr 1939. Neun Seiten umfasst das Namensregister, Adenauer und Adorno stehen am Anfang, Carl Zuckmayer und Stefan Zweig am Ende. Ein Panoptikum an Persönlichkeiten, vorwiegend aus dem Milieu der Künstlerinnen und Künstler. Aber auch Monster wie Göring und Stalin treten in Erscheinung. Kenner der Literaturszene treffen auf viele alte Bekannte. Etwa auf Henry Miller und Anaïs Nin, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, den Affären-Großmeister Bertolt Brecht oder Alfred Döblin. Das geografische Zentrum bildet, wenig überraschend, Berlin, für einen roten Faden sorgt der exzessive Clan rund um Thomas Mann. Gegliedert hat Illies sein Sammelsurium in drei Teile – „Davor“, „1933“ und „Danach“ heißen sie.

Pointen-Gier


Faszinierend ist seine Kunst der rasanten Überblendungen, das Streben nach Gleichzeitigkeit, wobei nur die exzellenten Erzählkünste den Kunsthistoriker, Literaten und Journalisten davor bewahren, in die Niederungen von Tratsch, Klatsch und Kitsch zu geraten. Denn mit einer kleinen, einigermaßen geschützten Gefühlswelt, umringt vom dämonischen Wetterleuchten, hat Illies nichts im Sinn. Im Gegenteil: Für gute, oft obskure Pointen opfert er bereitwillig tragische Hintergründe. Das Herz ist schließlich auch nur ein Muskel.
So dominiert niveauvolle Unterhaltung oder Entlarvung, die Wittgenstein oder Einstein zu Karikaturen reduziert. All das im Stil von Konferenzschaltungen mit einigen Tonstörungen. Die Filmrechte sind übrigens bereits vergeben. Und eine Fortsetzung wird, da wie dort, wohl folgen.

Lesetipp: Florian Illies. Liebe in Zeiten des Hasses. S. Fischer. 432 Seiten, 24,70 Euro.

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