Die Protagonistin heißt Judith. Sie lebt in Wien, wo sie als Tischlerin arbeitet. Die Handwerkskunst beherrscht sie perfekt, die Arbeit in der kleinen, hermetischen Welt bietet ihr jene Geborgenheit, die sie draußen nicht finden kann. Judith ist keine Misanthropin, aber die Menschen sind ihr fremd; Figuren nur, aus sonderbarem Material geschnitzt.

Als ihr Arbeitgeber Judith ein paar Urlaubstage anordnet, beschließt sie, mit dem Schiff nach Bratislava zu fahren. Dort stiehlt ihr eine Taschendiebin ihre Brieftasche, in der sich auch ihr Rückfahrticket befindet. Das Schiff legt ohne Judith ab und verschwindet, auch Judith beschließt, unterzutauchen, um zu Fuß und quer durch das Dickicht der Donau-Auen nach Wien zurückzukehren - oder auch nicht. Denn "Auwald" von Jana Volkmann ist eine magisch-mystische Geschichte, in der auch die Wirklichkeit Schiffbruch erleidet.

Ahnungsnebel

Raffiniert und anspielungsreich lockt die Autorin ihre Leserschaft immer tiefer hinein in Ahnungsnebel, in denen eigentlich nur eine Tatsache Gültigkeit hat - nichts ist, wie es scheint. Eine faszinierende, soghafte Spurensuche  in einer Welt der Ungewissheiten, eine zeitgemäße Version von Alice oder eben Judith im wunden Land. Könnten sich Bäumestaunend umdrehen, um noch einen Blick auf die ebenso sonderbare wie wunderbare Besucherin zu werfen, sie würden es tun. Vielleicht machen sie es ja auch, wer vermag das nach diesem so enorm vielschichtigen Werk noch zu sagen. Das Buch galt als Geheimtipp, jetzt ist es auf dem Weg zum Bestseller. Gut und schön so.
Lesetipp: Jana Volkmann. "Auwald". Verbrecher-Verlag. 186 Seiten, 20,60 Euro.

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