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InterviewMichael Köhlmeier über das „Wir“ und die Jämmerlichkeit der Feindbilder

Ein Wort, das einschließt, vereinnahmt, ausgrenzt: Michael Köhlmeier erzählt, warum er in der Frühlingsvorlesung der Akademie Graz der Sprengkraft des „Wir“ nachgeht - und was er vom Wir-Begriff der FPÖ hält.

Autor Michael Köhlmeier
Autor Michael Köhlmeier © APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas
 

Herr Köhlmeier, warum finden Sie das Wörtchen „wir“ so interessant?
Michael Köhlmeier: Weil es so viele Emotionen in sich trägt. Wärme in der Familie, bissige Feindschaft gegen alles, was in das „Wir“ nicht hineindarf, Freundschaft, Ideologie, Schönes und Grausiges.

Es ist, als hätte man bisher was übersehen – als hätte sich das „Wir“ verbogen. Statt für Inklusion steht es nun für Ausgrenzung?
Das war immer so. „Wir“ kann Einladung und Abstoßung sein. Aufnahmezentrum, Ausreisezentrum. Der Herr Kickl versteht unter „Wir“ die Grenze zum Feind. Diese Ängstlichkeit ist jämmerlich.

Wer heute „wir“ sagt, scheint „und die anderen“ oft schon mitzumeinen. Wie ist es denn dazu gekommen? Ist das mit der viel zitierten Polarisierung der Gesellschaft wirklich alles erklärt?
Sprache lässt sich biegen. Deshalb muss man die Sprache und ihre Veränderung, ihren Gebrauch und Missbrauch genau beobachten. Sprache ist Vorbereitung. Die viel zitierte Polarisierung ... ich gebe einer Sache einen Namen, bis alle glauben, die Sache sei tatsächlich so. Ich verwende „Gutmensch“ so lange als Spottwort, bis alle glauben, es sei tatsächlich lächerlich, ein guter Mensch sein zu wollen. Dann ist die Bahn endlich frei. Sprache bereitet auf Handlungen vor. Das muss man wissen.

Lässt sich insgesamt eine Vergröberung, ein Aggressiverwerden der Sprache im Alltag beobachten? Wenn ja, was ließe sich dagegen unternehmen?
Ja, die Sprache der Politik wird aggressiver. Besonders armen Leuten gegenüber und natürlich gegen Ausländer und Asylanten. Dass einer von „Höhlenmenschen“ sprechen kann oder von „Negerkonglomerat“ oder von „Durchschummeln“ und „Schmarotzertum“, wenn jemand das Schicksal der Arbeitslosigkeit trifft – ach, es würden sich so viele Grausligkeiten aufzählen lassen! Das sind aber die offensichtlichen sprachlichen Boshaftigkeiten. Schlimmer, weil nicht auf den ersten Blick erkennbar, sind die Übertragungen. Ich nenne ein Beispiel, das gar nicht aktuell ist: Seit der Neoliberalismus das Denken der Politik und der Wirtschaft beherrscht, wird gern von einem „schlankeren“ Staat gesprochen als einem angestrebten Ziel. Jeder Mensch möchte gern schlank sein. Schlank zu sein, heißt, schön zu sein, gesund zu sein, begehrt zu sein. Schlank sein ist etwas Gutes. Also: Wenn ein Politiker fordert, der Staat soll schlank werden, dann kann das doch nur etwas Gutes sein. Es ist eine klassische Übertragung. Niemand fragt: Wie sieht denn ein schlanker Staat aus? Hat der Staat eine Taille? Trägt er Hosenträger oder einen Gürtel? Schlank ist doch ein Adjektiv, das zu einem Gebilde wie dem Staat überhaupt nicht passt. Dann sagt man: Das ist halt in einem übertragenen Sinn gemeint. Und was heißt das wieder? Unter dem Strich heißt das: Bei den Sozialausgaben wird gespart. Und bei der Kultur auch. Würde ein Politiker sich hinstellen und sagen: Hört zu, Leute, in Zukunft bekommt ihr weniger, und manche bekommen gar nichts mehr – dann käme das nicht gut an. Also sagt er, wir brauchen einen schlanken Staat. Was man dagegen tun kann? Aufpassen. Die Worte anschauen. Sich nicht ein X für ein U vormachen lassen. Wenn die FPÖ sagt: Wir sind die Heimatpartei, was meint sie dann? Sie meint: Wir schließen andere aus. Nicht nur Ausländer. Sie würde auch mich nicht einschließen. Und in das, was sie unter Heimat verstehen, würde ich mich nicht einschließen lassen. Es ist manchmal schwer, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden, aber es ist möglich. Und meistens ist es gar nicht schwer.

Zur Person

Michael Köhlmeier, geb. 1949 in Hard am Bodensee, lebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien.
Studium der Germanistik, Politologie, Mathematik, Philosophie. Köhlmeier schreibt Romane und Erzählungen.
Zuletzt: „Der Mensch ist verschieden“ (mit Monika Helfer) und „Von den Märchen“, beide bei Haymon erschienen.

Muss das Wir-Gefühl letztlich immer auf Kosten des Individualismus gehen?
Nein, gar nicht. Ich denke, man sollte sich bescheiden. Nicht jedes Wort passt zu allem. Ich schlage vor, von „Wir“ nur dann zu sprechen, wenn es eine Gruppe von Menschen einschließt, die man persönlich kennt. Also Familie, Freunde, Nachbarn, durchaus auch persönliche Feinde, Arbeitskollegen. Aber wenn einer sagt: Wir Abendländer – was meint er damit? Er meint nicht „Wir“. Er meint: „Ihr nicht!“

Schriftsteller gelten als Einzelgänger. Ist Zugehörigkeit immer Vereinnahmung?
Nein! Um Himmels willen! Individualität, auch Einzelgängertum können sich ja nur in einer Gemeinschaft entfalten. Ich gehöre sehr gern der Gilde der Schriftsteller an. Auch wenn wir in Konkurrenz arbeiten, ich fühle mich unter Künstlern sehr wohl. Ich gehöre gern dazu.

In Ihrer Grazer Vorlesung befassen Sie sich unter anderem mit dem „Wir als Uniform“. Wie ist das zu verstehen?
Zum Beispiel, wenn zum „Wir“ aufgerufen wird im Namen der Nation. Oder im Namen des „Vaterlandes“. Bitte, diesen Begriff genau zu betrachten! Man nimmt das Wort „Vater“, das doch in den meisten Fällen sehr positiv aufgeladen ist. Der Vater ist mir sehr nahe, er gehört zur Familie, zum Kern von Wir. Und nun hänge ich dieses positive Wort an die Nation an, das heißt, ich leite das positive Gefühl um. Das ist Manipulation. Was hat mein Vater mit dem Staat zu tun, in dem ich lebe? Es wird suggeriert: Wenn du dein Land nicht liebst, dann liebst du deinen Vater nicht. Ein Staat aber, eine Nation, ist eine historisch-politische Vereinbarung. Auch eine Verkehrstafel ist eine historisch-politische Vereinbarung. Soll ich auch eine Verkehrstafel lieben?

In Wirtschaftspsychologie und Militärforschung wird beschrieben, dass die Gruppenkohäsion wächst, wenn „wir“ mit anderen konkurrieren oder uns von ihnen bedroht fühlen. Erklärt das schon den Erfolg der Populisten?
Ich wiederhole: Es ist jämmerlich, wenn man sich selbst nur definieren kann, indem man einen Feind aufbaut.

Warum sind Bedrohungsszenarien insgesamt so haltbar?
Weil Angst neben Ekel und Scham das vermutlich stärkste Gefühl ist.

Sie haben vor einem Jahr bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus in einer Rede die Schließung von Fluchtrouten mit der Situation in der NS-Zeit verglichen und sind dafür heftig kritisiert worden. Hat es Sie überrascht, dass man Ihnen unter anderem „Holocaustverharmlosung“ vorwarf?
Dass mir ausgerechnet von der FPÖ Verharmlosung des Holocaust vorgeworfen wurde, empfinden wahrscheinlich sogar die FPÖler als kurios.

Ihnen wurde damals unter anderem vorgehalten, Sie würden die Läuterung der FPÖ absichtsvoll ignorieren. Was sagen Sie nun zu den Enthüllungen der Verquickungen zwischen Identitären und FPÖ-Funktionären?
Was soll ich dazu sagen? Es ist der alte braune Sumpf.

Was, glauben Sie, hindert eine Partei, eine Gesellschaft daran, sich von Nazi-Gedankengut stärker abzugrenzen und ein adäquates Geschichtsbild zu entwickeln?
Nicht irgendeine Partei. Die FPÖ. Warum sich diese Partei nicht stärker von alten und neuen Nazis abgrenzt? Eine Antwort könnte lauten: Weil sie so ist.

Frühlingsvorlesung der Akademie Graz

Wer, wenn nicht wir. Autor Michael Köhlmeier untersucht in einem zweiteiligen Vortrag die Bedeutungsebenen des Wörtchens „wir“.
Wo: Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30.
Wann: 24. & 25. April, jeweils 19 Uhr.
www.akademie-graz.at
www.literaturhaus-graz.at

Kommentare (1)

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campanile
1
1
Lesenswert?

wir

angesichts der völlig außer kontrolle geratenen bevölkerungszunahme in afrika und der sich anbahnenden völkerwanderung nach europa würde man halt auch einmal von einem linken vordenker konstruktive politische lösungsvorschläge erwarten. die dauerempörung über die sattsam bekannten fpö feindbilder wird weder das problem lösen noch die berechtigte sorge vieler menschen in luft auflösen.

Antworten