"Wir haben uns einmal ein Zimmer geteilt. Jetzt bewohnen wir zwei Welten.“ Ernüchtert muss der für ein linkes Magazin schreibende Alfred Loth erkennen, dass sein Studienkollege Thomas Hoffmann die alten Ideale abgelegt und sich als Chef in der Firma des Schwiegervaters eingerichtet hat. Dass er diese Position mit diversen Gaunereien erreicht hat, belastet Thomas nicht weiter. Hauptsache, er hat etwas gemacht aus sich. Wie seine Schwiegermutter Annemarie, die über die Heirat mit dem verwitweten Vater zweier Töchter ihren sozialen Aufstieg, die Firmen- und die Familienangelegenheiten in die Hand genommen hat.

Entsolidarisierte Gesellschaft

Die amerikanische Rockband „The Doors“ hämmert die morbide Stimmung zum Anfangsbild: Sieben Personen und ein luftiger Pavillon, dessen Innenleben mit Jalousien abgeschirmt werden kann, einziges Requisit ist ein heftigst frequentierter Kühlschrank (Bühne: Stefan Brandtmayr). In Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ ist der Alkoholismus das Familiengeheimnis, auch in der Nachdichtung von Ewald Palmetshofer wird gesoffen. Der Schwerpunkt liegt auf der Macherqualität des Einzelnen in einer entsolidarisierten Gesellschaft. Die depressive Grundstimmung, der mögliche Suizid der Mutter, die psychischen Probleme der Töchter bleiben diffus – und in der Familie. Die gerät bald aus der Fassung, selbst der Pavillon verliert wiederholt die Balance und kippt zur Seite.

Moderne Sprache


Palmetshofers Sprache ist sehr modern und stimmig. Im engen Beziehungsgeflecht werden Sätze selten zu Ende gesprochen – das Ungesagte ist ohnehin bekannt und gibt Interpretationsspielraum. Außer es fliegen die Fetzen. Dann zielt Palmetshofer punktgenau.

Explosiv


In der exakt im Sprachrhythmus gebauten Regie von Georg Schmiedleitner entwickeln sich diese Auseinandersetzungen derart explosiv, dass einem fast die Luft wegbleibt. Wenn Thomas herablassend einwirft, dass man „Geschichten eben ein klein wenig neben der Wirklichkeit erzählen“ muss, damit die Menschen sich selbst erkennen, und das Spiel mit der Angst und niedrigsten Empfindungen beginnt. Oder wenn Alfred über das „Auseinanderdriften der Menschen“ sinniert: Im Dorf grüßt man einander nicht mehr, weil man unterschiedlicher Meinung ist – „seit dieser Krise“. Die gespaltene Gesellschaft kennt man aus dem wirklichen Leben.

Exzellentes Ensembles

Ein exzellentes Ensemble balanciert „Vor Sonnenaufgang“ auf schmalem Grat zwischen Unglück und Selbstbetrug. Holger Bülow als „Linker“ ist ironisch und mutlos und verlässt Helene (Raphaela Möst mit vielen Zwischentönen). Axel Sichrovsky stattet Thomas mit der Ignoranz des Großkotz aus, Elzemarieke de Vos schiebt als seine schwangere Frau Martha einen gewaltigen Bauch vor sich her und ihre Depression beiseite. Großartig in ihrer überdrehten Freundlichkeit ist Bettina Engelhardt als Annemarie, bei der Egon Krause (Christoph Kail mit viel Körpereinsatz im Dauerdampf) keine Wärme mehr findet. Peter Elter gefällt als verkrampfter Arzt.
Kräftiger Applaus für einen eindringlichen Abend.