Er hat nicht einmal einen Namen, später nennt sie ihn A. Er ist ein junger Student, sie eine Frau in den Mittfünfzigern. Er soll ihr als „Zeitöffner“ in die eigene Vergangenheit dienen. Und: „Ich hatte schon oft Sex, um mich zum Schreiben zu zwingen.“

Gewohnt schonungslos und radikal ehrlich bringt Annie Ernaux, die mit dem Literaturnobelpreis 2022 ausgezeichnete Ethnologin ihrer selbst, die schmale Geschichte „Der junge Mann“ zu Papier. Ungeschminkt, mitunter sogar grausam ist der Ton. Der knappe Text der französischen Schriftstellerin strahlt Kälte und Kalkül aus, gibt aber nie vor, dass diese ungleiche Beziehung mehr als eine Zweckgemeinschaft war. „Mir war bewusst, dass all das gegenüber dem jungen Mann, der die Dinge zum ersten Mal erlebte, eine Form der Grausamkeit war.“

Bei der Frau handelt es sich natürlich, wie meist in ihren Büchern, um Ernaux selbst, die diesmal die Selbstermächtigung und das Bloßlegen ihrer Verwerfungen und Verletzungen auf die Spitze treibt. Man kann „Der junge Mann“ auch als unverblümte Rache an all den alternden Autorinnen lesen, die gern junge Mädchen als Musen in ihrem Lebenslauf führen, ohne dafür gescholten zu werden.

Das ungleiche Paar erntet böse Blicke, die Frau ist wieder das „skandalöse Mädchen“ von früher. Doch diesmal erlebt sie die Missbilligung ohne Scham, dafür als Akt der Befreiung. Bald ist die Rolle von A. als Zeitöffner vorbei, und die Frau kann über jenes Ereignis schreiben, das vor der Geburt des jungen Mannes stattfand: „Ich begann die Erzählung meiner heimlichen Abtreibung, die ich lange umkreist hatte.“ Ein rigoroses Buch, das schmerzt. Auch das eine Aufgabe großer Literatur.

Annie Ernaux. Der junge Mann. Suhrkamp, 41 Seiten, 15,50 Euro.

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