Im Jahr 1968 erschien bei Rowohlt die deutsche Übersetzung von Vladimir Nabokovs Roman „Pale Fire“, „Fahles Feuer“. Das Nachfolgebuch des Weltbestsellers „Lolita“ irritierte als so kunstvolle wie rätselhafte Konstruktion. Nach den 999 Zeilen des titelgebenden Gedichts eines fiktiven Poeten folgt auf vierfachem Seitenumfang deren Kommentierung. Verfasst vom fiktiven Herausgeber.

Im nämlichen Verlag liegt nun Johan Harstads „Auf frischer Tat“ vor. Ein Werk, das sich ebenfalls „Roman“ nennt und dem Aufbau von „Fahles Feuer“ folgt. Zwar kein Gedicht, aber 15 Kurzromane des fiktiven Autors Frode Brandeggen (1970–2014) sind vom fiktiven Nachlassverwalter und Herausgeber Bruno Aigner mit ausführlichen „Endnoten“ versehen.

Harstad, Norweger des Jahrgangs 1979, bewies mit dem 1200-Seiten-Werk „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ als Autor die Fähigkeit, weite Bögen zu spannen. „Auf frischer Tat“ ist ein Kontrastprogramm, Beleg für pointierte, funkelnde Prosa, die an Simenon ebenso wie an Beckett denken lässt.

Harstad greift Krimimuster auf, um sie virtuos zu zertrümmern. „Schon der erste Frisch-Roman ist formvollendet“, liest man im Kommentar. Der erste Fall des Ermittlers mit dem Namen Frisch hat gerade einmal drei Kapitel, die auf einer Seite Platz hätten. Kapitel 2 besteht aus einem einzigen Satz: „Der Täter hielt die rauchende Pistole noch in der Hand.“ Der letzte Roman ist besonders schnell gelesen.

Von Witz und Humor zeugen auch die insgesamt 252 Endnoten. Sie sind einerseits subtile Parodie von Kritik und Literaturwissenschaft, andererseits Psychogramme sowohl des Autors Brandeggen wie des Herausgebers Aigner. Und beide, so der Verdacht, haben mit Ansichten, Vorlieben und Abneigungen nicht wenig mit ihrem Erfinder Harstad gemeinsam. Dem Coverslogan „Außergewöhnlich und urkomisch“ ist beizupflichten. 

P. S.: Und wenden sie den
Schutzumschlag!

Buchtipp: Johan Harstad Auf frischer Tat. Rowohlt,
256 Seiten, 24,70 Euro.

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