Die Geschehnisse in ihrer alten Heimat erleben sie aus der Ferne - die beklemmende 500 Kilometer nah ist: Die ukrainische Sängerin Tatjana Prybura und die aus St. Petersburg stammende Korrepeditorin Tatjana Vassilieva bereiten sich gerade auf das große Benefizkonzert vor, das am nächsten Dienstag im Stadttheater Klagenfurt ein klangvolles Zeichen für den Frieden setzen will.

Das Entsetzen über den Krieg eint sie, Nationalitäten-Konflikte innerhalb der bunten Musiker-Familie aus Chor und Orchester des Stadttheaters sind kein Thema beim Gespräch in der Theater-Kantine. Im Gegenteil. „Alle sind sehr unterstützend und offen“, erzählt die Russin Vassilieva, die seit ihrem 13. Lebensjahr in den USA aufgewachsen ist und mit ihrem kanadischen Mann, ebenfalls ein Musiker, seit 2018 in Kärnten lebt. Von ihrer in Russland lebenden Großmutter kann sie das nicht berichten: „Sie ist sehr patriotisch, sieht Auswanderer als Verräter und glaubt an die russischen Medien“, bedauert die Pianistin, die vom Glück spricht, im Westen mit Werten wie Redefreiheit, Informationszugang und Demokratie aufgewachsen zu sein.

Chor und Sinfonieorchester des Stadttheaters musizieren für die Ukrainehilfe
Chor und Sinfonieorchester des Stadttheaters musizieren für die Ukrainehilfe
© Stadttheater

Auch eine russische Geigerin ist im Kärntner Sinfonieorchester beheimatet. Die Sopranistin Tatjana Prybura erzählt empört von Distanzierungen ihr gegenüber via Facebook: „Ich als Ukrainerin wollte sie sofort umarmen. Ich hasse sie doch nicht!“ Nach Bekanntwerden der Massaker von Butscha empfand aber auch sie Hass: „Ich bin in der Nacht aufgestanden und meine erster Gedanke war, ich möchte gar nicht in dieser Welt leben. Ich hatte so einen Hass in mir! Das war ein Gefühl, das ich nicht kannte.“ Doch sie will den Hass nicht zulassen: „Es gibt viele Tausende in Russland, die das nicht unterstützen. Hass hat keine russische Sprache, auch keine deutsche oder ukrainische.“ Als sie vom Krieg erfahren hatte, dachte sie: „Wir haben wieder versagt. Das ist unser aller Versagen, weil wir zugelassen haben, dass so etwas wie Putin überhaupt möglich wird. Es ist bitter, dass wir immer noch Waffen brauchen.

Zu den Waffen greifen mittlerweile auch immer mehr Frauen in der Ukraine. Können sich das die beiden Musikerinnen für sich vorstellen? „Ohne Familie zu haben würde ich jedenfalls hinfahren und mein Land verteidigen“, antwortet Prybura sofort. „Niemand darf mein Land stehlen!“ Und ihre russische Kollegin erzählt von ihrem kanadischen Mann, der, hätten sie nicht eine 16-monatige Tochter, ebenfalls für die Ukraine kämpfen würde: „Es geht ja nicht nur um die Freiheit der Ukraine, sondern ganz Europas.“ Dass viele so denken, belegen Erzählungen von Männern mit Rucksäcken, die zu Fuß die Grenze zur Ukraine passieren und freiwillig in den Kampf ziehen. „Die ganze Welt unterstützt uns, Europa ist vereint wie schon lange nicht“, bemüht sich die Sopranistin aus der Ukraine um einen positiven Aspekt des Schreckens, „eigentlich ist es schon jetzt ein Triumph. Ich hoffe, dass bald wieder die Sonne über der Ukraine aufgeht!“
Tatiana Vassilieva ist was ihre alte Heimat Russland betrifft nicht so zuversichtlich. Seit Jahrzehnten sei die russische Bevölkerung Gehirnwäsche und Korruption unterworfen, viele junge Menschen würden derzeit ihre Heimat verlassen. „Ich kann jetzt Shakespeare auf Englisch lesen!“, hatte die zum Teil in den USA aufgewachsene Enkelin einst ihre Großmutter in der alten Heimat zu begeistern versucht. „Wozu? Lies ihn auf Russisch, das ist die schönste Sprache“, war die ernüchternde Antwort.

„Es wird ein böses Erwachen werden. “ Zerstörte Städte, zerstörte Leben, zerrissene Familien - auch die Ukraine würde sich, obwohl resilienter, erst nach Jahrzehnten halbwegs erholen. „Dieses Blut wird man lange abwaschen müssen“, stimmt ihr die Sängerin zu. Trotz allem glaubt sie an den Sieg der Liebe über den Hass: „Ich werde mein Herz nicht für Hass zur Verfügung stellen!“ Lieber will sie sich um die Menschen kümmern, „die Gott heute neben mich stellt. Was kann ich jetzt machen, damit die Welt besser wird?“ Nicht zuzulassen, dass das Böse uns trennt, sei ja auch die Idee hinter dem Völker verbindenden Konzert zu Ostern. Von Boykotten gegenüber allem Russischen halten beide Künstlerinnen nichts. Kleine Einschränkung: Stars, die durch ihre Prominenz geschützt seien, sollten offen Einspruch gegen den Krieg erheben.