Für Beutekunst aus der NS-Zeit hat man hierzulande – spät, aber doch – vor rund 25 Jahren das Kunstrückgabegesetz beschlossen. Die Rückführung kolonialen Kulturguts stand bisher dagegen kaum zur Diskussion. Dabei kennt man entsprechende Forderungen seit den 1960er-Jahren, als sich erste afrikanische Länder unabhängig machten.
Doch nun scheint Bewegung in die Fronten zu kommen, auch in Österreich. Im Naturhistorischen Museum wurden kürzlich zwei menschliche Schädel an eine hawaiianische Delegation übergeben, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus einem Grab der Insel Olahu geplündert worden waren und später nach Wien gelangten. „Es liegt in unser aller Verantwortung, die Aufarbeitung der Verflechtung mit der Kolonialgeschichte voranzutreiben“, erklärte Vizekanzler Werner Kogler bei der Übergabe und ergänzte: „Dafür, dass die Störung der Totenruhe bis zum heutigen Tag angehalten hat, möchte ich um Entschuldigung bitten.“
Um derlei „Störungen“ nachhaltig zu beheben, hat die Bundesregierung vor einigen Wochen ein Expertengremium eingesetzt, das „Empfehlungen für den Umgang mit Kulturgütern aus kolonialen Erwerbskontexten“ ausarbeiten soll. Erste Ergebnisse werden im Frühjahr 2023 erwartet. Vorsitzender des Gremiums ist der Chef des Weltmuseums Wien, Jonathan Fine, der allein schon wegen des von ihm geleiteten Hauses mitten in der Diskussion steckt.
Prominentestes Streitobjekt im Weltmuseum ist die „Federkrone Moctezumas“, die zwar kaum den aztekischen König geschmückt haben dürfte, aber von Mexiko als Teil der nationalen Identität betrachtet wird. Dass es das einzigartige Exemplar wohl nicht mehr geben würde, wäre es nicht im 16. Jahrhundert in die Sammlung der Habsburger gelangt, steht dabei auf einem anderen Blatt.


In Mexiko hätte man den Schmuck im Vorjahr nur allzu gerne beim 500-jährigen Gedenken an die Eroberung der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan präsentiert. Aber das Objekt wird auch nicht verliehen. Das Weltmuseum verweist auf die Expertise des Instituto Nacional de Antropología e Historia in Mexiko, das gemeinsam mit den Wienern den Zustand und die Geschichte des Kopfschmuckes umfassend erforscht hat. Ein Resultat: „Das Objekt kann nicht bewegt werden, da ein Transport es massiv beschädigen würde.“ Das Weltmuseum sieht derzeit noch keine technische Möglichkeit, den Federkopfschmuck sicher zu transportieren. Offizieller Antrag zur Rückführung nach Mexiko liege keiner vor, ungeachtet dessen plante eine Nachfahrin Moctezumas schon vor einigen Monaten, mit einer Klage die Rückgabe zu erzwingen.
Dass Aktivistinnen und Aktivisten kürzlich die Audioguides im Museum manipuliert haben, um auf die heikle Geschichte des Objekts hinzuweisen, findet das Weltmuseum nicht schlimm, im Gegenteil: „Diese künstlerische Intervention ist ein spannender Beitrag zur Diskussion im Umgang mit dem postkolonialen Erbe in ethnografischen Museen.“
Anderswo ist man in Sachen Restitution längst in einer anderen Phase, vor allem in Frankreich, wo etwa 90.000 Kunstgegenstände aus Afrika gehortet werden. Vor fünf Jahren hatte sich Präsident Emmanuel Macron in einer Grundsatzrede zu ersten Rückgaben verpflichtet: „Werke an Afrika zurückzugeben, bedeutet auch, der afrikanischen Jugend einen Zugang zu ihrer Kultur zu verschaffen.“ Vor drei Monaten wurde das Versprechen eingelöst: 26 Objekte kehrten wieder in ihr Herkunftsland zurück, darunter ganze Palasttore und religiöse Gegenstände, die französische Soldaten im Königreich Dahomey gestohlen hatten.

Einen ähnlichen Weg beschreitet Deutschland, das noch heuer erste Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben möchte. Etwa 1100 Stück dieser Objekte aus dem einstigen Königreich Benin geistern in deutschen Museen herum. Sie stammen größtenteils von britischen Plünderungen des Jahres 1897. 180 Exponate gelangten auch ins Weltmuseum Wien.
Dass man sich mit symbolischen Gesten nicht mehr zufriedengeben möchte, zeigte sich zuletzt in Äthiopien. Dort feierte man im November die Heimkehr etlicher Objekte, darunter eine Krone und ein kaiserlicher Schild. Doch die Regierung will noch weitere Schätze von Großbritannien zurück, etwa Altartafeln mit Darstellungen der Bundeslade, die sich im British Museum befinden, dort aber nicht einmal ausgestellt werden.
Mexikanische Bürgerinnen und Bürger, die nach Wien reisen, um die berühmte „Federkrone“ zu bestaunen, haben es da zweifellos besser. Ihnen wird im Weltmuseum sogar freier Eintritt gewährt – ein kleines Entgegenkommen, über das sich vermutlich auch Türken und Griechen im Wiener Ephesos-Museum oder Ägypter im Mumiensaal des Kunsthistorischen Museums freuen würden.

Wolfgang Muchitsch leitet den Museumsbund und das steirische Universalmuseum Joanneum
Wolfgang Muchitsch leitet den Museumsbund und das steirische Universalmuseum Joanneum
© APA/ROBERT JAEGER

„Unrechtskontext wird noch diskutiert“

Wolfgang Muchitsch, Leiter des Museumsbunds, über offene Fragen der Restitution.

Dass das Naturhistorische Museum menschliche Überreste nach Hawaii zurückgebe, solle auch geschehenes Unrecht anerkennen, hieß es. Gibt es überhaupt Standards für österreichische Museen?
WOLFGANG MUCHITSCH: Es gibt ethische Grundlinien von Icon, dem Interessensverband der Museen. Darin ist der Umgang mit kolonialen Objekten formuliert: Wie sind sie zu behandeln, kann man sie überhaupt ausstellen? Wie der Unrechtskontext des Nationalsozialismus zu bearbeiten ist, wissen wir; der Unrechtskontext des Kolonialismus wird noch stark diskutiert, gerade wenn es um menschliche Überreste oder religiöse Objekte geht.


Ist das nicht eine Diskussion, die vor allem in ehemaligen Kolonialstaaten wie England oder Frankreich geführt werden muss?
Auch wenn Österreich kein klassisches Kolonialland war, gibt es in Museen Objekte aus kolonialen Kontexten – durch Feldzüge, wissenschaftliche Expeditionen, Missionare. Und es gab Handel mit kolonialen Kulturgütern – schon damals wurden Objekte eigens für diesen Markt erzeugt. Da ist es wichtig, die Herkunftsgeschichte der Objekte zu kennen. Das ist schwer, wenn sich der genaue geografische oder zeitliche Kontext nicht herstellen lässt.


Wie geht man sicher, dass man nicht Dubioses bewahrt?
Man muss genau in seine Sammlungen hineinschauen. Auch wenn man in gewissen Bereichen nie aktiv gesammelt hat, kann es da Objekte geben, die von Forschungsreisenden oder frühen Touristen mitgebracht und zum Vergleich übernommen wurden. Das betrifft bei uns etwa die klassische Archäologie aus dem Mittelmeerraum, Naturkundliches, Kunstgewerbe.


NHM-Direktorin Katrin Vohland begründete die Rückgabe auch so: Hawaii habe „eine gut organisierte Gemeinschaft, die die Schädel entgegennimmt“. Ist das eine nachvollziehbare Restitutionsbedingung?
Nein, aber es gibt eine große Bandbreite an Argumenten. Manche fordern, dass Häuser wie das neue Afrikamuseum in Brüssel geschlossen werden sollten, weil sie aus einem Unrechtskontext entstanden sind. Andere sagen, es habe in Afrika früher keine funktionierenden Museen gegeben – also sei es gut, dass das in westlichen Museen gesichert wurde. Es geht oft um die Fragen: „An wen gebe ich was zurück, und wie wird dort damit weiter umgegangen?“ Gerade bei Human Remains ist das ein sensibles Thema. Für manche australische Aborigines findet der Mensch nie seinen Seelenfrieden, wenn sein Leichnam nicht intakt ist. Anderen Kulturen geht es gar nicht um die Rückgabe physischer Objekte, da ist die Anerkennung der Illegalität des Eigentums wichtig. Dann kann es auch in Ordnung sein, wenn Objekte im Museum bleiben.