"Wenn ich nicht schreibe, löse ich mich in einzelne Atome auf", hat Gerhard Roth einmal gesagt. Und obwohl ihn seine Erkrankung zuletzt immer mehr belastete, blieb er mit manischer Akribie in den Labyrinthen seiner Wortwelten versunken, ordnete Fotos und Skizzen; sobald ein Buch fertig war, braute sich das nächste in ihm zusammen. Gerhard Roth mag gewusst oder gespürt haben, dass das Ende nicht mehr weit ist. Mit dem bereits vollendeten Roman "Die Imker" kehrte er zu "Landläufiger Tod" aus seinem ersten großen Zyklus zurück, damit schloss sich für ihn ein Kreis. Und ganz zum Schluss hat Gerhard Roth noch an einem Text gearbeitet und bereits mehrere Hunderte Seiten fertiggestellt. Der Titel: "Die Jenseitsreise".

Mit Gerhard Roth – der erst im Vorjahr von der Kleinen Zeitung für sein Lebenswerk geehrt wurde – verliert die deutschsprachige Literaturlandschaft einen großen, wortmächtigen und detailbesessenen Chronisten, der vor allem mit seinen beiden Zyklen "Die Archive des Schweigens" (1978–1991) und "Orkus" (1993–2011) monumentale Land-, Zeiten- und Menschenvermessungen vorgenommen hat.

Geboren wurde Roth am 24. Juni 1942 in Graz. Nach dem Willen seines Vaters, eines Arztes, studierte er ab 1961 in seiner Heimatstadt Medizin, brach jedoch 1967 ab. 1966 bis 1977 arbeitete er als Programmierer und Organisationsleiter im Grazer Computerrechenzentrum, um neben seiner literarischen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Gerhard Roth in seinem Haus in der Südweststeiermark
Gerhard Roth in seinem Haus in der Südweststeiermark
© (c) KANIZAJ Marija-M. | 2017

Ab den frühen 1970er-Jahren veröffentlichte er experimentelle Prosa. Sein erster Roman trägt den Titel "die autobiografie des albert einstein". Zur gleichen Zeit wurde Gerhard Roth Mitglied im Forum Stadtpark und schloss Bekanntschaft mit Wolfgang Bauer, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und anderen Schriftstellern und bildenden Künstlern. Mit Bauer und Kolleritsch unternahm er mehrere USA-Reisen. Gerhard Roth war seit 1995 in zweiter Ehe verheiratet mit Senta Roth und hinterlässt drei Kinder, darunter den Regisseur Thomas Roth. Er lebte in der Südweststeiermark, wo er sich für den Bau des Kulturzentrums Greith-Haus einsetzte, und in Wien. Eine große Leidenschaft galt dem Fußball, konkret und explizit in Form des SK Sturm, dessen Ehrenbotschafter er war.

Dem Fußball, speziell dem SK Sturm, gehörte seine zweite Leidenschft
Dem Fußball, speziell dem SK Sturm, gehörte seine zweite Leidenschaft
© (c) BIG SHOT Foto+Film KG, Graz (Christian Jungwirth)

Leben, um darüber zu schreiben. Das war das Credo von Gerhard Roth, der wahrlich gigantische Prosa-Kathedralen errichtet hat. Alles beobachten, erfassen, beschreiben, notieren in unzähligen Notizbüchern, fotografieren auch, dann in Worte gießen. Welterforschung. Selbsterforschung. Das Große und das Kleine interessierte ihn, das Nahe und das Ferne, das Alltägliche und das Außergewöhnliche. Stilistisch passte er in keine Schublade. Seine Sprache war chirurgisch präzise, sein Ton klar. Roth schrieb Romane, Essays, Reportagen, Journale. Wie viele andere österreichische Schriftsteller hat sich auch Roth an der Nazivergangenheit dieses Landes abgearbeitet und immer wieder vor der Verschluderung des Erinnerns gewarnt. Ein weiteres wichtiges Thema war ihm der ländliche Raum, der für ihn, den vormals streng beäugten "Zugereisten", längst auch Heimat geworden ist. Eine Heimat freilich, an der er sich ebenso voll Leidenschaft rieb, die Veränderungen beschrieb und den Verlust der ländlichen Identität.

Gerhard Roth hob das Dunkle, den tatsächlichen oder vermeintlichen Irrsinn in die lichten Höhen der Literatur. „Solange ich denken kann, zog mich das Unglück an – der Tod, der Selbstmord, das Verbrechen, der Hass, der Wahnsinn. Was diese Eigenschaft betrifft, bin ich nie erwachsen geworden, denn ich gebe noch immer meiner Neugierde nach", schreibt er im Roman "Orkus" aus dem gleichnamigen Zyklus. Auch das Rätselhafte hat ihn zeitlebens fasziniert. "Rätsel können gelöst werden. Aber das Rätselhafte bleibt."

Gerhard Roth bei seinem letzten Venedig-Besuch 2019
Gerhard Roth bei seinem letzten Venedig-Besuch 2019
© Bernd Melichar

Zuletzt hat Gerhard Roth ein "Venedig-Triptychon" veröffentlicht, drei "Verbrechensromane", in denen er tief in Venedig, eine seiner Lebensstädte, eintauchte, in diese mystische Aura der Masken und des Tarnens und Täuschens. Sein ureigenstes Metier. Die Suche nach dem Paradies zieht sich wie ein roter Faden durch diese Bücher. "Das Paradies ist natürlich eine Fälschung. Aber ohne diese Fälschung können wir nicht leben."

Wir durften ihn begleiten, als Gerhard Roth 2019 das letzte Mal diese Stadt aufsuchte. Es war ein Abschied für immer, das wusste er. "Und ich bin sehr unbegabt im Abschiednehmen." Wir sind noch einmal die Schauplätze seiner Bücher abgegangen, durch die Calle della Morte spaziert, haben die Insel San Servolo besucht. Dort zeigte sich noch einmal die Hartnäckigkeit des manischen Faktensuchers. Gerhard Roth war überzeugt, dass sich auf der Insel ein Friedhof befindet, auf dem die Insassen einer "Irrenanstalt" verscharrt wurden. Das wurde von den Behörden vehement verneint. Doch Roth insistierte so lange, bis ein Anruf beim Bürgermeisteramt schließlich Gewissheit brachte. Den Friedhof gibt es tatsächlich, die Gräber sind längst überwuchert und vergessen. Doch Roth hatte recht.

Mit Ehefrau Senta
Mit Ehefrau Senta
© (c) Gery Wolf

Gerhard Roth hat in Leben und Werk viele Fragen gestellt; im Wissen, dass sie unbeantwortet bleiben werden. Gerne hat er in Gesprächen aus der (Kriegs-)Geschichte "Brewsie and Willie" von Gertrude Stein zitiert. Zwei Soldaten versuchen eine Erklärung zu finden für all das Schreckliche, das ihnen und anderen widerfährt. Da sagt einer der Soldaten, "der Intelligentere", wie Roth stets betonte an dieser Stelle, Folgendes: "Es gibt keine Antwort. Es wird nie eine Antwort geben. Es hat nie eine Antwort gegeben. Das ist die Antwort."

Gerhard Roth mit Chefredakteur Hubert Patterer und Literatur-Verantwortlichen Bernd Melichar anlässlich der Ehrung Roths für sein Lebenswerk
Gerhard Roth mit Chefredakteur Hubert Patterer und Literatur-Verantwortlichen Bernd Melichar anlässlich der Ehrung Roths für sein Lebenswerk
© (c) Stefan Pajman/ballguide

Gerhard Roth hatte keine Angst vor dem Tod. "Ich lebe, solange es geht, und wenn es nicht mehr geht, dann ist es vorbei", sagte er im letzten Interview, das wir mit ihm führten. Leben war für ihn Schreiben. Schreiben war für ihn Leben. Seinem Roman "Orkus – Reise zu den Toten" ist ein "Aphorismus zur Lebensweisheit" von Arthur Schopenhauer vorangestellt: "Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen Zusammenhang steht, vermöge dessen der Orkus also nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende und der Tod das große Reservoir des Lebens ist. Daher also, daher, aus dem Orkus, kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat."

Gerhard Roth ist tot, möge ihn seine Jenseitsreise in dieses große Reservoir des Lebens führen.

Reaktion des steirischen Landeshauptmanns Hermann Schützenhöfer

Der steirische LH Schützenhöfer reagierte tief betroffen auf die Nachricht des Ablebens: "Ich war mit Gerhard Roth durch eine enge Freundschaft verbunden, auch wenn ich seine politischen Ansichten nicht immer teilte", so Schützenhöfer, "aber wir haben wie gute Brüder im Liebenauer Stadion gezittert und gejubelt. Obwohl wir um seine schwere Krankheit wussten, konnten wir mit Gerhard und seiner Gattin Senta, die ihm Tag und Nacht zur Seite stand, noch knapp vor Weihnachten in seinem geliebten Haus in St. Ulrich ein gutes und fröhliches Gespräch im kleinen Freundeskreis führen. Die Steiermark verliert einen sorgfältigst Wahrnehmenden und literarisch Schenkenden, dem wir Beschenkte zu großem Dank verpflichtet sind. Ich verneige mich vor einem großen Literaten und liebevollen Betrachter der Menschen."

Buchtipps:

Gerhard Roth. "Die Irrfahrt des Michael Aldrian". Fischer, 496 Seiten, 25,70 Euro (der erste Teil des "Venedig-Triptychons").

© KK

Gerhard Roth. "Landläufiger Tod". Fischer, 976 Seiten, 37,90 Euro (das Buch wurde 2017 erstmals in vollständiger Fassung wieder aufgelegt).

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Gerhard Roth. "Der Stille Ozean". Fischer TB, 248 Seiten, 14,90 Euro (aus dem Zyklus "Die Archive des Schweigens").

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Gerhard Roth. "Orkus". Fischer TB, 672 Seiten, 12,90 Euro (Abschlussband aus dem Zyklus "Orkus").

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