Buch der WocheMithu Sanyal: Die listige Farbenlehrerin

Wer vorhat, in nächster Zeit nur ein einziges Buch zu lesen, sollte ohne Zaudern und Zögern zu „Identitti“ von Mithu Sanyal greifen. Eine Lektion fürs Leben, ein Buch zum Erblassen.

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Die Autorin Mithu Sanyal schriebt ein Buch zum Erblassen
Die Autorin Mithu Sanyal schriebt ein Buch zum Erblassen © (c) Guido Schiefer
 

In einem legendären, restlos entlarvenden Cartoon zeigt Hans Traxler einen Professor, der einen Elefanten, eine Robbe, einen Hund, eine Elster, einen Affen, einen Marabu und einen Goldfisch im Glas vor einem Baum zur Prüfung antreten lässt. Der Test ist einfach: Wer als Erster die Baumspitze erreicht, der ist der Gewinner einer „gerechten Auslese“, frei nach dem Prinzip der Chancengleichheit. Tja, so einfach kann man es sich machen, so einfach funktioniert es letztlich auch.

Das Bild ist elastisch. Es lässt sich anwenden auf den Rassismus, die Diversität, die Unterdrückung, die Ausgrenzung und andere Machtmechanismen. Sie allesamt bilden ein zentrales Thema des Romans „Identitti“ von Mithu Sanyal, der eindringlich vor Augen führt, wie anmaßend, absurd und präpotent Menschen weißer Hautfarbe irgendwelche Privilegien für sich beanspruchen.

Die deutsche Autorin, die ihre familiären Wurzeln in Polen und Indien hat, weiß nur allzu genau und aus vielfacher Erfahrung, worüber sie in ihrem Debütroman höchst souverän schreibt. Polemik ist ihr dabei fremd, sie liefert eine Unzahl stichhaltiger Argumente, vor allem aber setzt sie auf eine entwaffnende Mischung aus Sarkasmus und – darin besteht vielleicht das größte Raffinement – sie spart keineswegs mit verblüffend subtilem Humor.

Zur Autorin

Mithu Sanyal, geboren 1971 in Düsseldorf, ist als Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin tätig. Sie schrieb mehrere Sachbücher, „Identitti“ ist ihr erster Roman.
 

Im Zentrum steht die Studentin Nivedita. Sie ist Halbinderin, in sozialen Medien als „Identitti“ präsent, steht aber auch im ständigen geistigen Dialog mit der hinduistischen Göttin Kali. Und sie verehrt, wie viele andere auch, die renommierte Kulturwissenschaftlerin Saraswati, die angeblich aus Indien stammt und, durchaus charismatisch, mit allen Rassisten, Diskriminierern und Ignoranten abrechnet. Ehe sie als Weiße enttarnt wird.

Die Euphorie schlägt um in Hetzkampagnen; diese gelten nicht nur der Betrügerin, betrügerisch sind plötzlich auch ihre Werke.
Dies sind nur Eckdaten zu einem komplexen, soghaften, universellen Roman, stets knapp an der Realität, basierend auf einem tatsächlichen Fall in den USA, entstanden auch als „work in progress“, reich an Querverweisen, immens klug und letztlich doch von der schauderhaften Wirklichkeit eingeholt – durch das Massaker von Hanau, verübt von einem deutschen Fremdenhasser.

Auch das Buch ist ein Anschlag, aber er ist empathischer Art – er rückt, berechtigt, menschliche Identität in ein gebührendes Licht.

Buchtipp: Mithu Sanyal. Identtiti. Hanser, 432 Seiten, 22,70 Euro.

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