Herr Brandauer, im TV-Zweiteiler „Feinde“ nach Ferdinand von Schirach verkörpern Sie einen Strafverteidiger. Es ist ein Fernsehexperiment, das einen Gerichtsprozess über einen angeklagten Entführer aus zwei Perspektiven in zwei Filmen, die gleichzeitig und hintereinander am 3. Jänner (ORF 2, ARD) ausgestrahlt werden, zeigt. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?
KLAUS MARIA BRANDAUER: Das war eine sehr schnelle Entscheidung, gleich beim ersten Lesen des Drehbuchs. Ich kenne die Bücher von Ferdinand von Schirach, die alle hoch interessant und gut zu lesen sind, weil sie auf Erfahrungen basieren. Rechtsprechung ist keine einfache Sache. Ich bin neugierig, wie die Leute reagieren werden. Das Fernsehen bietet eine sehr gute Möglichkeit, sich auch über große und kontroverse Themen zu verständigen.

Jene von Recht, Rechtsprechung und Gerechtigkeit: Welche zentralen Aussagen stehen für Sie im Zentrum dieses Projekts?
KLAUS MARIA BRANDAUER: Recht und Gerechtigkeit muss man nicht gegeneinander aufrechnen. Gerechtigkeit ist eine vorgeordnete Geschichte, mit der wir alle etwas anfangen können. Wir sind sehr froh, wenn wir gerechte Lehrer, einen gerechten Vater oder eine gerechte Mama haben. Das ist schön. Aber: Wie wir wissen, brauchen wir mehr als das Gefühl von Einzelnen. Wir brauchen einen aufgefächerten Kanon für das, was man Rechtsprechung nennt – und das sind die Gesetze und ist am Ende die Verfassung. Hut ab vor allen, die damit zu tun haben! Den Anwälten, dem Ankläger, den Richtern. Das ist kein einfaches Geschäft.

Als Verteidiger Konrad Biegler sagen Sie an einer Stelle einmal, es sei Ihnen „nie ein Mensch untergekommen, der nur böse oder gut war“.
KLAUS MARIA BRANDAUER: Das wäre ja auch lächerlich! Fangen wir nicht beim Zeitpunkt an, wenn wir auf die Welt kommen, sondern bei Adam und Eva. Bei Kain, der seinen Bruder umbringt. Wir müssen uns fragen, was passiert ist. Die waren nur zu viert, aber was ist, wenn 400 Menschen beteiligt sind. Oder sieben Milliarden. Wir wollen es nicht zu kompliziert machen, das ist es nämlich gar nicht. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern unendlich viele Grautöne. Und im Fernsehen können wir mit einem solchen Thema ein großes Publikum erreichen, darüber freue ich mich sehr.

Beim Interview mit Julia Schafferhofer
© Ballguide/Christoph Kleinsasser

Das klingt, als wären Sie ein treuer Fernsehzuschauer?
Ich schaue jeden Tag mindestens zwei Nachrichtensendungen, insofern bin ich ein guter Klient.

Platon soll Folgendes gesagt haben: Der höchste Grad von Ungerechtigkeit ist die erheuchelte Gerechtigkeit.
Hoffentlich ist das von ihm. Wäre es von jemand anderem, würde es deshalb nicht schlechter sein. Wir wissen das aus unserer Erfahrung. Wir sind von unserem Schicksal beglückte Kinder, in dieser Zeit leben zu dürfen, in der es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu informieren und zu lernen. Wir können uns nicht so leicht ausreden wie früher.

Gilt das für die Pandemie auch?
Diese Pandemie ist eine Heimsuchung. Nur sollte man nicht so tun, als wären wir die Ersten, die davon betroffen sind. Es gab die Pest, die Cholera und wenn man in die früheren Pandemien hineinliest, ist es nicht anders als heute. Mit einem Unterschied: Damals hatten sie diese Kommunikationsmittel nicht, die wir heute haben. Ich habe in dieser Zeit gelernt – das Talent dazu hatte ich wohl schon immer –, dass ich ein ordentlicher Staatsbürger bin.

Wie äußert sich das?
Ich wundere mich selbst, denn ich bin sehr freiheitsliebend, wenn man so will, sogar eigensinnig. Aber ich bin auch ein guter Untertan. Das habe ich wohl von meinen Eltern gelernt, dass es Situationen gibt, in denen man versuchen muss, sich einzuordnen. Solidarität ist ein Wert, der Zusammenleben erst möglich macht, im Kleinen wie im Großen. Und das heißt erst mal nichts anderes, als dass ich versuche, dem anderen nicht zu schaden. Das ist der Ausgangspunkt und dann schauen wir, in welche Richtungen es weitergehen kann. Es geht um Dinge, die uns alle betreffen.

"Ich bin ein ordentlicher Staatsbürger", sagt Brandauer
© Ballguide/Christoph Kleinsasser

Nämlich?
Wir müssen unbedingt verlernen, als Erstes immer, „Ich, ich“ zu sagen. Es schreien jetzt schon Leute: „Ich möchte als Erster geimpft werden!“ Nein: Das Erste müsste nicht das Ich sein, sondern das Du. Denn du weißt was, also sag es mir auch und dann reden wir. Jetzt habe ich einen kleinen Vortrag gehalten.

Danke dafür! Standen Sie im Lockdown vor der Kamera?
Nein, es wurden ja sehr viele Projekte verschoben. Aber ich hatte trotzdem eine vergleichsweise schöne Zeit, in der ich mehr als gewöhnlich die Muße hatte, einzuordnen, wie ich mich selbst und meine Freunde sehe. Und es ist nicht verkehrt, Bücher, die man schon gelesen hat, noch einmal zu lesen – wie Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“.

Was wünschen Sie sich für 2021?
Was wünscht man sich denn? Gesundheit. Und dass wir aus dieser nicht angenehmen Situation etwas lernen, mitnehmen – und wenn es nur die Solidarität ist, auf die wir jetzt mehr angewiesen sind als sonst.

"Wir müssen unbedingt verlernen, als Erstes immer, "Ich, ich" zu sagen", sagt der 77-Jährige
© Ballguide/Christoph Kleinsasser

Welche Lehren sollten wir noch aus dieser Zeit ziehen?
Wir sollten alle etwas leiser sein. Auch, wenn man etwas ganz Wichtiges gemacht hat. Haben Sie eine Heldengeste gesehen von jenem Paar, das das Serum miterfunden hat?

Nein.
Eben!