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Buch der WocheFinster ist's und totenstill

Mit seinem neuen Roman "Die Stille" läutet der große US-Autor Don DeLillo den Zusammenbruch der Zivilisation ein.

Don DeLillo, absolutes Schwergewicht unter den US-Autoren
Don DeLillo, absolutes Schwergewicht unter den US-Autoren © (c) imago/Leemage
 

In seinem fast 1000 Seiten dicken Romanbrocken „Unterwelt“ hat Don DeLillo mit messerscharfem Verstand und in einem erzählerischen Kraftakt die Untiefen des US-Kontinents ausgelotet, für die Zustandsbeschreibung der gesamten Welt benötigt dieses literarische Schwergewicht nur etwas mehr als 100 Seiten.

Denn es bleibt nicht mehr viel zu sagen, wenig zu schreiben. Der Zusammenbruch der Zivilisation scheint eingeläutet. Die Telefone funktionieren nicht, die Bildschirme bleiben schwarz, sämtliche Technologien brechen zusammen, selbst das allwissende Internet schweigt. Was genau passiert ist, erfährt der Leser nicht. Das macht das Szenario umso bedrohlicher. „Was machen wir?“, heißt es an einer Stelle. Und: „Wem geben wir die Schuld?“ Schwierig, wenn niemand mehr da ist.

Don DeLillo hat dieses furiose, beklemmende, zeitweise absurde Kammerspiel mit Beckett’schen Zügen im New York des Jahres 2022 angesiedelt. Endspiel also. Wie schon in „Unterwelt“ knüpft DeLillo auch die (karge) Handlung seines neuen Romans „Die Stille“ an ein Footballspiel. In einer Wohnung in Manhattan versammeln sich fünf Menschen, um den Super-Bowl-Sunday zu feiern. Eine emeritierte Physikprofessorin, deren Mann, ein ehemaliger Student der Frau. Ein befreundetes Ehepaar trifft verspätet ein, es hat einen Flugzeugabsturz nur knapp überlebt, weil plötzlich alle Apparaturen ausgefallen waren.

Die Stille wird immer lauter

Was folgt, sind mitunter surreale Dialoge über Keime, Gene, Biowaffen und Einsteins Relativitätstheorie. Diese fünf Menschen umgeben sich mit einem intellektuellen Kokon, der wohl das Schwinden aller Gewissheiten fernhalten soll, doch auch diese Zuflucht bietet keinen Schutz gegen die Stille, die immer lauter wird.

Die Zeit verschiebt sich, macht einen Sprung, eine Vermutung taucht auf: Ist alles nur eine Art lebensgroße Fantasie und die Welt dort draußen ohnehin intakt? Man weiß es nicht – und wird es auch nicht erfahren. Unbarmherzig und folgerichtig lässt DeLillo in dieser verstörenden Dystopie offen, ob es sich überhaupt um eine solche handelt.

Oder doch? Endspiel! Dem Buch ist ein Zitat von Albert Einstein vorangestellt: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“

Buchtipp: Don DeLillo. Die Stille.  Kiepenheuer & Witsch,
112 Seiten, 20,90 Euro.

KK
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