Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod?“ Um diese beiden essenziellen Fragen – auch abgedruckt auf der Buchschleife – geht es im neuen Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Das Stück wurde bereits zeitgleich in Berlin und Düsseldorf uraufgeführt, der TV-Film wird als Eurovisionssendung (ORF, ARD, SRF) im November ausgestrahlt.

Wie bereits im Stück/Film „Terror“ – in dem es darum ging, ob der Pilot eines entführten Flugzeuges die Passagiere an Bord oder die 70.000 Menschen eines Fußballstadions, auf das das Flugzeug Kurs nahm, retten sollte – fällt am Ende das Publikum die „Entscheidung“.

Im Fall von „Gott“ wird vor einem fiktionalen Ethikrat eine sehr reale Thematik verhandelt: Es geht um die Frage der Sterbe- bzw. Suizidhilfe und vor allem auch darum, ob ein Arzt diese Hilfe, wenn gewünscht, leisten darf. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat diese Frage erst im Februar dieses Jahres in einem Grundsatzurteil mit „Ja“ beantwortet. In Österreich berät der Verfassungsgerichtshof am Donnerstag darüber (siehe auch Info-Kasten).

In Deutschland ist die rechtliche Frage also geklärt. Der Arzt darf bei einer Tötung auf Verlangen unterstützend einschreiten, aber soll er das auch dürfen? Ist das ethisch, medizinisch, aber auch religiös vertretbar oder wird dadurch die berühmte Büchse der Pandora geöffnet und aus dem freien Willen zum Sterben in weiterer Folge eine unausgesprochene Pflicht, weil sich etwa alte Menschen ökonomisch nicht mehr „rechnen“?

Über diese verminte Causa, in der sich alle Beteiligten im Besitz der richtigen Argumente wähnen, diskutieren in Schirachs Stück u. a. ein Mitglied des Ethikrates, ein Arzt, ein Anwalt und ein katholischer Bischof. Konkret wird der (natürlich ebenso fiktive Fall) des 78 Jahre alten Richard Gärtner verhandelt. Dieser – körperlich und geistig gesund – ist nach dem qualvollen Krebstod seiner Frau buchstäblich des Lebens müde und möchte mithilfe eines tödlichen Medikaments, das ihm ein Arzt verabreichen soll, in den Tod gleiten.

Mit Empathie, wenngleich kühlem Ton, versucht der Anwalt und Autor Schirach, dieses heiße Thema in den Griff zu bekommen, und das Schwierige daran – sowohl in der Theater-Fiktion als auch in der Realität: Von seiner Position bzw. Gesinnung heraus hat jeder der Beteiligten recht. Der Ärztevertreter, der sich auf den hippokratischen Eid beruft; der Anwalt, der für seinen Mandanten die ultimative Maximierung der Selbstbestimmung einfordert, und der Theologe, für den nur einer das Leben gibt und es auch wieder nehmen darf: Gott.

In Deutschland hat die Mehrheit des Theaterpublikums für die ärztliche Beihilfe zum Suizid gestimmt. Die Frage, ob das Thema Sterbehilfe der geeignete Gegenstand für ein „Voting-Drama“ ist, muss an anderer Stelle verhandelt werden.

Buchtipp: Ferdinand von Schirach. Gott. Ein Theaterstück.
Luchterhand. 160 Seiten, 18,50 Euro.

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