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#wirlesenzusammenZum Schutz vor falschen Verurteilungen und seltsamen Ärzten

Ein charmanter Roman aus der Jahrhundertwende, ein brisanter Justizthriller über unschuldig verurteilte US-Bürger und eine Mutter, die ihre Familie schützen will: Unsere drei Leseempfehlungen.

John Grisham (aufgenommen 2006) © AP
 

Charmantes Lesevergnügen

Das waren Zeiten: In Pensionaten lernten junge Frauen vor allem, wie man sich in der Gesellschaft richtig bewegt oder Rosen arrangiert. Aber schadet richtiges Wissen zum Beispiel über die Psyche des Menschen? Nicht einmal auf diese Frage bekommen die Mädchen eine Antwort. Effi – eigentlich Elena Sophie von Burow – langweilt sich in ihrem vornehmen Pensionat. Da findet sie eines Tages ein verstecktes Buch, das von der „Physiologie des Genusses“ handelt. Bevor sie mehr als ein paar Worte lesen kann (und schon dabei schamhaft errötet), wird sie schon von der gestrengen Erzieherin damit entdeckt und fliegt von der Schule. Auf der Reise nach Hause lernt sie im Zug den jungen Arzt Max von Waldau kennen – und erstmals fühlt sie sich in einem Gespräch wirklich ernst genommen.

Lübbe
Anna Moretti: Effi liest. Lübbe, 352 Seiten, 20.60 Euro © Lübbe

Anna Moretti führt in ihrem vergnüglichen Roman "Effi liest" in eine Zeit, in der die Frau dem Mann noch ganz selbstverständlich unterstellt war,  in der viele bedeutende Romane von Ehefrauen handeln, die fremdgehen und schließlich sterben (darunter„Effi Briest“) und in der der Wunsch nach medizinischen Fortschritten so manchen Irrweg einschlug: So war Kokain damals ein weithin beliebtes Medikament und bei Frauen wurde zunehmend „Hysterie“ diagnostiziert, was man auf unkeusche Gedanken zurückführte. Die Rahmenhandlung des Romans beruht auf wahren Gegebenheiten, die heute mitunter recht abenteuerlich anmuten – so glaubten damals zwei Ärzte (einer davon war übrigens kein Geringerer als Sigmund Freud!), man könnte mithilfe einer Nasenoperation Frauen von den sexuell ungesunden Trieben befreien (mehr dazu gibt’s im interessanten Nachwort zu lesen). Insgesamt ein charmanter und unterhaltsamer Roman aus einer Zeit, in der „Trotzkopf“ auf „Effi Briest“ trifft.

In den Fängen der Justiz

Rund zehn Prozent der Häftlinge in den US-Gefängnissen sind unschuldig – und manche davon sitzen in der Todeszelle. Seit 1973 wurden mindestens 340 Menschen in den USA für Verbrechen hingerichtet, die sie nicht gegangen haben. Für die Verurteilungen gibt es vielfältige Gründe: Irrtümer, der Rassismus in den Südstaaten, der Wunsch nach schnellen Verurteilungen und wahre Täter, die durch die Justiz geschützt werden. Es sind also brisante Themen, denen sich John Grisham in seinem neuen Justizthriller "Die Wächter" annimmt.

In der Kleinstadt Seabrook in Florida wurde ein weißer Anwalt erschossen. Verurteilt wurde für das Verbrechen ein junger Schwarzer: Quincy Miller hatte nach der Scheidung, die Russo seiner Meinung nach schlecht abgehandelt hat, Drohungen ausgestoßen. Das einzige Beweisstück, eine mit Blut bespritzte Taschenlampe, ist kurz vor der Verhandlung mit anderen Beweisstücken in der Asservatenkammer verbrannt. 22 Jahre lang sitzt Miller im Gefängnis, bis eine Organisation, die sich um zu Unrecht Verurteilte kümmert, seinen Fall übernimmt und neu aufrollt. Im Mittelpunkt steht der Anwalt und Priester Cullen Post, der sich vor allem um zwei Fälle kümmert.

Heyne
John Grisham: Die Wächter. Heyne-Verlag, 448 Seiten, 24.90 Euro © Heyne

Grisham erzählt vielleicht weniger spannend als gewohnt, dafür fesselnd von den Ungerechtigkeiten des amerikanischen Justizsystems, von unwilligen Staatsanwälten, die Fälle nicht neu aufrollen wollen, von den unterschiedlichen Richtern und deren fast uneingeschränkter Macht und von privat geführten Gefängnissen, die vor allem lukrativ sein sollen. Und er erzählt davon, wie schnell man für ein nie begangenes Verbrechen verurteilt werden kann, wenn die Behörden vorwiegend weiß und der Verdächtige schwarz ist. Gruselig. Und gerade deshalb auch so wichtig. 

Zum Schutz der Familie

Was tun, wenn man den Liebhaber tot in der Wohnung auffindet? Normalerweise würde man ja die Polizei holen. Aber Neve Connolly hat zu viel zu verlieren: ihren Ehemann, ihre Kinder, und dann ist da noch die Tatsache, dass ihr Geliebter auch ihr (verheirateter) Boss war. Also macht sie Großreinigung am Tatort und versucht, irgendwie weiterzumachen. Das Erfolgsduo Nicci French erzählt in "Was sie nicht wusste" davon, wie schwer es ist, sich im eigenen Lügengespinst nicht zu verfangen – vor allem, wenn man bemerkt, dass man auch selbst von geliebten Menschen belogen wird. Neve entgleitet die Kontrolle immer mehr, denn auch der ermittelnde Kommissar hat sie irgendwann im Visier.

Bertelsmann
Nicci French: Was sie nicht wusste. Bertelsmann, 448 Seiten, 16.90 Euro © Bertelsmann

Vor allem aber versucht sie, ihre psychisch instabile Tochter zu schützen, die mit ihren Essstörungen und Drogenproblemen das Familienleben seit zwei Jahren schwierig gemacht hat und endlich etwas stabiler wirkt. Neve bewegt sich auf einem schmalen Grat als Mutter, pflichtbewusste Angestellte und Frau, die sich wieder begehrt fühlen will. Das ist psychologisch fein gezeichnet und – trotz manch haarsträubender Entscheidung von Neve – auch herzzerreißend geschildert. Denn im Mittelpunkt steht die Frage: Wie weit geht man, um die eigene Familie zu schützen?

 

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