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Musik-Rückblick 2019Rammstein, Iggy Pop & Co.: Guilty Pleasures und gültige Vergnügen

Ein Jahr der harten Gitarrenwände (Foals), des musikalischen Kahlschlags (The Murder Capital, black midi) und des exotischen Gitarren- und Geigensouls (Sudan Archives, Nilüfer Yanya) neigt sich zu Ende.

Er meint's ja nicht böse: Urgestein Iggy Pop
Er meint's ja nicht böse: Urgestein Iggy Pop © APA
 

Ich muss etwas loswerden, bevor ich mich dem "definitivem Dutzend" widmen kann.

1. 2019 war für mich zwar ein tolles Musikjahr, das lag aber eher daran, dass ich in Plattenkellern, Musikbiographien und Familienarchiven gestöbert habe. Meine Ausbeute an brandneuen, aktuellen Geheimtipps fiel in den letzten zwölf Monaten eher mau aus. Da sich dieses wunderbare Format jedoch den Neuerscheinungen widmet, werde ich Sie, geneigter Leser, natürlich nicht mit Beatles-B-Seiten, Beethoven-Interpretionen und Ähnlichem therapieren, sondern Ihnen meine kleine (aber garantiert definitive) Gustostückerl-Sammlung 2019 präsentieren.

2. Da Musikjournalisten eine beinahe panische Angst vor populären, bereits allgemein bekannten Interpreten verfolgt, versuchen sich viele von ihnen immer wieder aufs neue, mit abgefahrenen und hippen Avantgardetipps zu toppen. Um diesem unausgesprochenen Dogma eine Absage zu erteilen, habe ich mich dazu entschlossen, in meine Jahresbestenliste eine Auswahl aus "Guilty Pleasures", also geheimen Lastern, einfließen zu lassen.

 

1. The Murder Capital - Don't Cling To Life

Ein in der Tat mörderisches Kapital haben die jungen Iren von "Murder Capital" in Albumform vorgelegt. Ungeschminkt, jedoch nicht ungespickt mit Genialitäten. Das Album "When I Have Fears" ist der Monolith im Kahlschlag-Punk, den die UK-Länder seit wenigen Jahren als neues Genre wiederentdeckt haben. Rau, roh, rabiat. Aber mit einem Gefühl für Gefühl an den richtigen Stellen.

2. Sudan Archives - Confessions

Auch an großartigen, weiblichen RnB-Protagonisten fehlt es derzeit nicht. Die wohl eindrucksvollste von ihnen: Sudan Archives. Die Sängerin und Geigerin schließt nämlich dort an, wo M.I.A mit ihrem exotisch-brodelnden Cocktail aus Rap, Soul und Pop in den 2000ern aufgehört hat. Beeinflusst ist die Musik der Amerikanerin von sudanesischer Fidel-Werken. Dass die Künstlerin auf dem dröhnenden Beat von "Confessions" aufgeigt, ist da wohl klar.

3. Iggy Pop - Dirty Sanchez

Dirty Sanchez nimmt seinen Ausgangspunkt in der staubigen Prärie. Eine Trompete gleitet wie ein Adler über die Köpfe des Hörers. Nein, das ist kein Ennio Morricone-Soundtrack, sondern eine unterschätzte Scheibe vom alten Hasen Iggy Pop. Der Experimentiermut des Ex-Punkberserkers wurde 2019 von Kritikern nicht geehrt. "Dirty Sanchez" ist ein sowohl melodiös als auch textlich großartiger Song.

4. Jacques Green - Do It Without You

Komischerweise auch im Jahr 2019 unter dem Radar geflogen ist der britische Elektroniktüftler Jacques Green. "Do It Without You" war mein Song für die Deadlines und langen Schreibabende. Der Text, in einer Art und Weise vorgetragen, dass es an alte Massive Attack-Platten erinnert, passt da nämlich ganz gut. Die treibenden Beats tragen ganz weit weg, verwaschen den Fokus dennoch nicht.

5. Die Höchste Eisenbahn - Kinder der Angst

Die Höchste Eisenbahn erschaffen metaphysische Musik. Deutsche Texte, nicht zu manieriert. Anspruchsvoll, trotzdem verspielt. Unglaublich relaxt und gemütlich und dennoch aufgeweckt. Darüber legt der Song "Kinder der Angst" Zeugnis ab. Ein wolkig dampfender Zug von einem Lied.

6. Rammstein - Ausländer

Guilty Pleasure Nr. 1. Zwar verkaufen die feurrrrrigen Skandalrocker Stadien in ganz Europa aus, in den exaltierten Jahreslisten findet man die deutschen Industrial-Metaller dennoch selten. Dabei ist das selbstbetitelte neue Album, auf das Rammstein-Fans ganze zehn Jahre warten mussten, mehr als gelungen. Es ist mutig, überraschend, altbewährte Versatzstücke und neue Einflüsse gehen nahtlos ineinander über. In meiner imaginären und persönlichen Rammstein-Album-Liste belegt der Tonträger den zweiten Platz. Zum Song "Ausländer" gibt es zusätzlich das vielleicht beste Musikvideo des Jahres. Da wird der Post-Kolonialismus aufs Korn genommen und das ach so fromme westliche Selbstbild zerstört.

7. Johnny Marr - The Bright Parade

The legend himself! Johnny Marr, einst The Smiths-Gitarrist und bis heute ein lebendes Gitarren-Mastermind. Nach dem eher klassisch brit-popigen "Call The Comet" im letzten Jahr, ist Marr mit einer psychedelisch einlullenden Single zurück. Einen guten Song schreiben viele Musiker, tolle Gitarristen gibt es auch genug. Doch Johnny Marr hat eine eigene DNA in seiner Spielweise entwickelt. The Bright Parade hört man am besten am: Morgen, Nachmittag, Abend. Aja, und in der Nacht.

8. black midi - 953

Blutjung und keine Lust auf ruhig Blut. "black midi" aus London haben auf der Insel, wo Sensationen gerne herbeigeschrieben werden, zwar ihren ersten Hype-Ausflug hinter sich, kritische Skepsis muss man hier jedoch nicht unbedingt walten lassen. Die Mercury Prize-Nominierung für das Debüt "Schlagenheim" hat sich die vierköpfige Noise-Punk-Band verdient. Manche Songs auf dem ersten Album sollte man nach einem anstrengenden Arbeitstag nur mit Baldriantropfen hören, das Lied "953" hingegen funktioniert in jeder Alltagssituation als Soundtrack. Einen tektonisch mächtigen, dreischichtigen Song hat die Band hier vorgelegt.

9. Nilüfer Yanya - Baby Blu

Soul mit der Gitarre. Das klingt im besten Fall wie Nilüfer Yanya. Die Engländerin ist mit ihrem 2019 erschienen Debüt "Miss Universe" zwar nicht zur schönsten Frau gewählt worden, sollte aber zumindest mit dem Titel "vielversprechendste Indie-Musikerin des vergangenen Jahres" angesprochenen werden. Mit ihrer Stimmführung erinnert die Sängerin an Alt-J und die Cranberries. Musikalisch geht sie ihren ganz eigenen Weg. Apropos Weg. "Baby Blu" ist ein Song für nachdenkliche nächtliche Streifzüge.

10. Drab Majesty - Ellipsis

2019 war ja auch das Jahr, in dem die 80er in Mode und Musik ihre Wiederauferstehung gefeiert haben. Für die einen ist das Jahrzehnt eine grausige Zumutung, für die anderen (zum Beispiel für mich) ein willkommenes sexy Retro-Revival. Drab Majesty kreieren (nicht kre-irren) Darkwave/Shoegaze, der sich auf die Ohren wie ein Kaleidoskop auf die Augen auswirkt.

11. Bring Me The Horizon - Sugar Honey Ice & Tea

Guilty Pleasure Nummer 2. Ganz uncool eigentlich. Dabei schaffen es Bring Me The Horizon mit jedem Album, sich selbst weiter zu erfinden. Gewürdigt wird das seit dem Pop-Anstrich der einstigen Deathcore-Band nicht. Das Album "amo" ist ein Produktions-Meisterwerk! Dass man harte Gitarren, Trap-Drums und Gesang miteinander so ausgewogen vermischen kann, lag bis jetzt jenseits meiner Vorstellungskraft.

12. Foals - On The Luna

Einen spezifischen Song von den Foals auszuwählen, ist in diesem Jahr fast unmöglich. Die englische Band hat nämlich gleich zwei Tonträger vorgelegt, beide Anwärter für den Titel "Album des Jahres". Die staccatoartigen Gitarren-Patterns durchbrechen sexier als je zuvor die wabbelnden Electronic-Wände, die Stimmfarbe von Frontman Yannis Phillippakis verdient spätestens jetzt einen eigenen Eintrag im Wörterbuch. Dass Rock in Reinkultur so frisch klingen kann, grenzt an ein Wunder.

 

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