Theaterkritik"Hiob"-Premiere in Graz: eine Dramedy, bei der vieles nicht stimmig ist

Kann Joseph Roths beliebter Roman aus 1930 auch zum Bühnenerlebnis werden? Am Schauspielhaus kann sich der junge Regisseur András Dömötör für keinen Tonfall entscheiden. Subtile Momente werden im Laufe des Abends von einer plakativen und zu grellen Inszenierung erschlagen.

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Premiere in Graz, Haus EINS: Franz Solar und Florian Köhler © LUPI SPUMA/SH
 

Man mag sich des Eindrucks nicht verwehren, dass die gegenwärtige Theaterwelt mehr und mehr aus adaptierten Romanen oder Filmen und nicht aus originären Stücken besteht. Nun also "Hiob" in Graz in der Bühnenfassung von Koen Tachelet (bearbeitet vom noch jungen Regisseur und der Hausdramaturgin).

Joseph Roth schickt in seinem 1930 erschienenen Buch „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“ Mendel Singer auf eine Odyssee, die sich an der Hiob-Gestalt des Alten Testaments orientiert: Der Knecht hadert in höchster Verzweiflung mit seinem Gott und erlebt auf dem Höhepunkt seiner Qual schließlich ein Wunder. Oder wie es Roth selbst ausdrückte: „Die Hauptfigur Mendel Singer, ein jüdisch-orthodoxer Lehrer, ist Hiob, denn durch die vielen Schicksalsschläge stellt er die Gerechtigkeit Gottes in Frage, versucht sie jedoch zu verstehen."
Wann kam der Roman auf die Bretter? Tachelets Bühnenfassung wurde im Frühjahr 2008 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.

Der ungarische Regisseur András Dömötör, dessen Inszenierung von Ferdinand Schmalz’ „der thermale widerstand“ weiterhin in Haus zwei alias Probebühne zu sehen ist, gibt damit sein Debüt auf der großen Bühne des Schauspielhauses. Und hat sich etwas verhoben, wenn auch ambitionierte Ansätze vorhanden sind. Momente, die nachklingen, sind aber leider rar. Man wartet auf das Berührende, das Ergreifende, den Tönen aus Roths Roman.
In der ersten Hälfte greifen durchaus gewisse Elemente der Inszenierung.
Ein erstaunlich zu Leben erwecktes Highlight: die Flucht des Sohnes Schemarjah (gewinnend: Raphael Muff), auch der live produzierte Soundtrack sorgt immer wieder für interessante Stimmungen. Man lässt sich gerne und aufmerksam auf die Figuren ein - und wird dann durch den Rollentausch Florian Köhler-Franz Solar (Mendel Singer-Menuchim) etwas ratlos in die Pause entlassen. Danach, in Amerika, driftet der Abend in die Klischeekiste ab und langweilt als auch ästhetisch unpassende TV-Dramedy. Man wähnt sich fast bei einem Trash-Format des Privatfernsehens, allerdings ohne eine Fernbedienung in der Hand zu halten.
Freundlicher Applaus nach zweieinhalb Stunden. Der Titel wird wohl ein Publikum anziehen, gemischte Gefühle danach werden nicht ausbleiben.

Weitere Vorstellungen am 21., 22., 25. und 29. November, am 1., 15., 21. und 27. Dezember, am 3. und 4. Februar 2018. Graz, Schauspielhaus.
Ensemble: Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Raphael Muff, Tamara Semzov, Franz Solar, Susanne Konstanze Weber, Fredrik Jan Hofmann, Elmira Bahrami
Regie: András Dömötör
Bühne und Kostüme: Eszter Kalman
Karten: Tel. (0 316) 80 00.

Szene aus „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth mit Susanne Konstanze Weber Foto © LUPI SPUMA/SH

Aus "Hiob"

Alle Jahre habe ich Gott geliebt, und er hat mich gehasst.
Alle Jahre hab' ich ihn gefürchtet,
jetzt kann er mir nichts mehr machen.
Er kann mich nur noch töten.
Aber dazu ist er zu grausam.
Ich werde leben, leben, leben.

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