Wir erwischen ihn telefonisch gerade bei seinem Instrumentenbauer. Die Birne, ein Teil des Cellostachels, „sitzt nicht richtig, vermutlich feucht geworden, und knarrt – das kann ich gar nicht gebrauchen“, sagt Friedrich Kleinhapl.
Nicht bei seinem wertvollen Guadagnini-Cello aus 1743. Und schon gar nicht in den nächsten drei Tagen, wenn er sich mit seinem langjährigen Duopartner, dem deutschen Pianisten Andreas Woyke, einmal mehr für eine CD-Aufnahme nicht ins Studio, sondern in den Konzertsaal begibt. „Das ist das sechste Mal, dass wir in dieser Form ein Album einspielen“, sagt der Grazer Ausnahmecellist und beschreibt die Vorteile, sich der Aufgabe live zu stellen: „Wir spüren und erreichen durch das Publikum stärkere Energie, Spontaneität, Natürlichkeit, Bewegungsfreiheit.“
Auf Perfektion im Studio also gepfiffen? „Der Begriff ist ja schwer zu definieren, perfekt kann auch steril sein – oder gleich tot“, weiß Kleinhapl. Ins Studio geht’s trotzdem: Nächste Woche werden die beiden Künstler die neue CD beim Label Ars Produktion in Ratingen bei Düsseldorf wieder selber mischen.
Zuletzt widmeten sich Kleinhapl und Woyke auf „Pasión Tango“ dem traurigen Gedanken, den man tanzt. Diesmal heißt die Leidenschaft Mendelssohn Bartholdy, obwohl die erst reifen musste, wie Kleinhapl zugibt. „Wir haben lang gezögert, weil uns Mendelssohn im Gegensatz etwa zu Charakterköpfen wie Beethoven oder Brahms sehr biedermeierlich und oberflächlich erschien.“
Aber dann zwangen technische Hürden den Cellisten wie den Pianisten, sich ordentlich in die Partituren des deutschen Romantikers reinzuknien. Und auf den Knien blieb man dann auch, „überrascht von der Tiefe, Kraft und Expressivität seiner Musik“. Heute am 31. Juli sowie am 1. und 2. August werden Mendelssohn-Sonaten für Originalbesetzung, aber auch vom Duo bearbeitete Lieder ohne Worte in der Grazer List-Halle erklingen. Und am 12. November schauen im Mumuth bei einer musikalisch-literarischen Soirée auch Felix und Fanny Mendelssohn (vulgo Wolfram Berger und Julia Stemberger) höchstselbst vorbei.

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Die drei Dings

Dass Friedrich Kleinhapl ein Musiker mit Herz und Herzblut ist, hat er schon oft bewiesen. Und auch derzeit pochen in ihm noch weit mehr Ideen als die jetzigen drei Live-Aufnahmen vor je 150 Leuten. Da ist etwa das Dings mit der Filmdokumentation. Oder ein weiterführendes Dings mit dem Tango-Programm. Und vor allem ein spektakuläres Projekt mit dem weltweit ersten Dings.
Nun, der 50-Jährige will nicht über ungelegte Eier gackern. Aber mit eigenen Federn darf er sich ruhig schmücken. 2013 erhielten er und seine Frau Maya Hagn, die ihn auch managt, von der Cultural Foundation des Grazer Motorenentwicklers AVL den Auftrag für ein Projekt zum Thema „Das Wunder des Hörens“, und dieses mündete in den Verein „Get A Hearing“. Mit Benefizkonzerten und Spenden und unter Mithilfe von Freunden und Künstlerkollegen werden Gelder gesammelt, um hörgeminderte Kinder mit Hörgeräten auszustatten, die von Sozialversicherungen nicht bezahlt werden.
„Das Hören ist ja nicht nur ein unfassbar komplexer Prozess, sondern auch enorm wichtig für die soziale Integration“, betont Kleinhapl. Zwölf Kinder wurden schon mit je 3000 Euro teuren sogenannten FM-Anlagen ausgestattet. So auch die kleine Luna, deren Ohren Augen machten, als sie ihren „Zauberknopf“ bekam. www.getahearing.com

MICHAEL TSCHIDA

Friedrich Kleinhapl
Friedrich Kleinhapl © KK/KLEINHAPL.COM