Streitigkeiten zwischen den Festspielen und der Salzburger Lokalpolitik gehören zur Tradition des Festivals wie der „Jedermann“. Zum Glück ist das bedeutendste Klassikfestival der Welt so strapazierfähig, dass es solche Zwistigkeiten im Normalfall locker übersteht. Im Normalfall, aber was ist in Zeiten, wo man sich wundert, was alles geht, schon noch normal? Selbst der Festspielriese scheint nicht unverwundbar.

Das Kuratorium, in dem die Salzburger Landeshauptfrau und der Salzburger Bürgermeister sitzen, hat dem Intendanten Markus Hinterhäuser bei einer Krisensitzung vor drei Wochen eine „Gelbe Karte“ gezeigt. Der Grund: Er hielte sich nicht an Abmachungen. Stein des Anstoßes war, dass Hinterhäuser öffentlich von Karin Bergmann als fähige Kandidatin für den zu besetztenden Chefposten im Bereich Schauspiel geschwärmt hatte. Die hatte sich aber offenbar gar nicht bei der Ausschreibung beworben. Im Kuratorium fand man sich hintergangen. Markus Hinterhäuser selbst wollte sich auf Anfragen nicht dazu äußern, heute muss er sich vor dem Kuratorium erklären. Zum Beispiel darüber, was wirklich hinter den kolportierten Aussagen steckt.

Die Angelegenheit ist sehr österreichisch, wenn man bedenkt, dass Hinterhäuser herausragende Programme vorlegt und nicht von ungefähr bereits jetzt der längstdienende Intendant der Festspielgeschichte ist. Beziehungsweise der Nach-Karajan-Ära, davor waren die Salzburger Verhältnisse – auch das sehr österreichisch – stabil, aber irgendwie ungeklärt.

Hinterhäuser ist ein kantiger Charakter und eigenwilliger Künstler-Intendant. Sein offenbar nicht unproblematischer Führungsstil wird kritisiert, er sorgt damit für Ungemach und bietet zugleich eine Angriffsfläche. Die Frage ist aber, ob Hinterhäuser die Autorität eines Karten verteilenden Schiedsrichters überhaupt anerkennt oder anerkennen muss. Erst vergangene Woche hatten sich viele prominente und sehr prominente Künstlerinnen und Künstler hinter den Intendanten gestellt. Dass man im Zuge dieser Unterstützung dem Kuratorium auch ausgerichtet hat, dass es keine Kompetenz habe, Personalentscheidungen des künstlerischen Leiters infrage zu stellen, sondern dass der über seine engsten Mitarbeiter entscheiden darf und soll, zeigt, dass die Zeichen auf Sturm stehen könnten.

Hinterhäuser ist sicher gut beraten, seinen Stil zu adaptieren. Das ist wohl nicht zu viel verlangt. Wenn seine absolut bemerkenswerte Ära aber am Donnerstag an solchen Dingen scheitert, ist die Festspielgeschichte um eine kapitale Dummheit reicher. „Hier gilt’s der Kunst“, schrieb Richard Wagner in den „Meistersingern“. Würde man das beherzigen, müsste man zwangsläufig erkennen, dass die Paarung Hinterhäuser-Bergmannn geradezu ideal wäre, die Festspiele in den kommenden Jahren zu leiten. Diese werden wegen der notwendigen Umbauten im Festspielbezirk schwer genug. Österreich braucht herausragende, funktionierende Festspiele und kein Provinztheater der Eitelkeiten.