Die Selbstverständlichkeit und Coolness mit der JJ den ESC-Sieg ersungen hat, ist erstaunlich. Die Stimmlage, die an diesem Samstagabend Europa begeistert hat, gibt es seit Jahrhunderten. Countertenöre gehörten von Beginn an zur Geschichte der Oper. Der hohe Gesang zählt zu den „geheiligten Mitteln des musikalischen Ausdrucks“, wie es der Stimm-Historiker Peter Giles beschrieb.
Die unnatürliche, quasi überirdische Klangqualität, die Virtuosität dieser hohen Stimmen hat die Zuhörerinnen und Zuhörer in Raserei versetzt. Ihre Blüte erlebten die in stratosphärischer Höhe singenden Männer zur Zeit des Hochbarocks, zur Zeit eines Georg Friedrich Händel. Die Superstars hießen damals Senesino (1686-1758) und Farinelli (1705-82), Stimmvirtuosen, denen das Opernvolk zu Füßen gelegen ist.
Dieser Ruhm war mit unvorstellbarem Leid erkauft: Diese Sänger waren Kastraten. Während moderne Countertenöre ihre Stimme durch Training des Falsetts, der Kopfstimme, kultivieren, wurde in der Barockepoche einfach der Stimmbruch verhindert. Die grausame Praktik der Kastration wurde in Einzelfällen bis ins 19. Jahrhundert gepflegt. Tatsächlich gibt es noch Tonaufnahmen des „letzten Kastraten“ Alessandro Moreschi (1858-1922). Erst zwei Jahre bevor die Kastration von Knaben 1870 auch in Italien endgültig verboten wurde, musste Moreschi diese Prozedur über sich ergehen lassen. Seine Stimme klingt extrem weiblich und weich, wie man an der Aufnahme des Liedes „Ideale“ hört:
Der Barock war queer
Interessant ist, dass zur Barockepoche die Oper ein Ort war, den man mit dem neuen Begriff queer gut beschreiben könnte: Kastraten stellten nicht nur Könige und Helden, sondern auch Frauen dar, während Frauen Männer verkörperten. Letzteres blieb Praxis (die sogenannten „Hosenrollen“), während die hohen Tenöre ab der Zeit der Aufklärung allmählich von der Bildfläche verschwanden. Das Zeitalter der Vernunft ließ eine Bühnenwelt voller sexueller Uneindeutigkeit, voller Unwirklichkeit, Geheimnis und Zauber verschwinden.
In englischen Chören hat sich im 19. Jahrhundert die Tradition der Countertenöre erhalten (sie tragen manchmal auch den Namen „männlicher Sopranist“ oder „Altus“). Wiederentdeckt wurde der kultivierte Falsettgesang aber erst im 20. Jahrhundert. Als man begann, sich wieder für Barockopern zu interessieren, erwachte auch das Interesse an dieser alten Gesangskunst wieder. In der Nachkriegszeit gab es erste Countertenöre, die in der Lage waren, ihre Kopfstimme so virtuos einzusetzen, dass sie etwas vom Zauber der alten Zeiten vermitteln konnten.
Pioniere wie Alfred Deller (1912-79) und Russell Oberlin (1928-2016) entstammten dem englischsprachigen Raum, aber schon bald kamen begabte Countertenöre auch aus Deutschland und Frankreich. Seit den 1980ern sind Countertenöre erneut nicht mehr aus der Opernwelt wegzudenken, manche von ihnen, wie Andreas Scholl, Philippe Jaroussky oder Max Emanuel Cencic sind gefeierte Topstars des Genres.
Johannes Pietsch alias JJ ist ein junger, 24-jähriger Countertenor, der an der Wiener Staatsoper schon kleine Rollen verkörpert hat. Seinem Talent ist zu verdanken, dass die Faszination der höchsten Töne sich auf halb Europa erstrecken konnte.