„Ich sehe dich“, sagt die erzählende Stimme im Film und Fotos von Menschen beherrschen das Geschehen: lachende, ernste, traurige, geschäftige Gesichter, Begegnungen auf der Straße. Gesehen und mit seiner Kamera festgehalten hat diese Menschen der südafrikanische Fotograf Ernest Cole (1940-1990) in New York City. Dorthin ging er, nachdem er mit seinem 1967 veröffentlichten und kurz danach verbotenen Buch „House of Bondage“ („Haus der Knechtschaft“) das wahre Leben von schwarzen Menschen in Südafrika zeigte. Und glaubte er anfangs, in einer anderen Welt zu sein, merkte er durch Fahrten nach Alabama oder Mississippi bald, dass Schwarze auch hier nicht frei waren.

In einem Interview aus dem Jahr 1969 erzählt Cole von seiner Heimat, der dort herrschenden, menschenverachtenden Apartheid, die die ursprünglichen Einwohner des Landes in die Armut und Knechtschaft zwang. Zu dessen eindrucksvollen Bildern entwickelt der aus Haiti stammende Filmregisseur und Drehbuchautor Raoul Peck in seiner Dokumentation „Ernest Cole: Lost and Found“ über den Fotografen eine Erzählung aus der Ich-Perspektive anhand von Korrespondenzen.

Ernest Cole musste nach seinem Fotobuch Südafrika verlassen
Ernest Cole musste nach seinem Fotobuch Südafrika verlassen © Ernest Cole

Die Sehnsucht des Südafrikaners nach Familie, Freunden und Freude wird spürbar. Denn Cole war gezwungen, in den USA zu bleiben, als sein Reisepass nicht mehr verlängert wurde.

Briefe, Zeitungsausschnitte und 60.000 Negative von Cole wurden im Jahr 2017, also 50 Jahre nach dem Erscheinen seines Buches und 27 Jahre nach seinem Tod aus einem schwedischen Banksafe geholt und dem Neffen des Fotografen übergeben. Diese werden nun von der Ernest-Cole-Stiftung gepflegt und ausgewertet.

Das persönliche Scheitern eines Mannes an einer Welt, die von Weißen beherrscht ist, verwebt sich mit der Geschichte der Apartheid in Südafrika: die Aufstände, bei denen auch Frauen und Kinder verschleppt, gefoltert und getötet wurden. Miriam Makeba in einer Rede. Bilder des zu Tode gefolterten Bürgerrechtlers Steve Biko. Aber auch Statements von Politikern wie Margaret Thatcher zur Apartheid oder Einblicke in Befragungen von Gefolterten oder ehemaligen (schwarzen) Polizisten.

Die Apartheid unterdrückte die Schwarzen in Südafrika
Die Apartheid unterdrückte die Schwarzen in Südafrika © Ernest Cole

Raoul Peck schafft es, mit Coles ausdrucksstarken Aufnahmen von Menschen auf der Straße, Einblick in die Vergangenheit und damit auch in unsere Welt zu geben, wie sie jetzt noch ist. Dramatisch aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger wird klar, was Rassismus ausmacht und fragt implizit, wie sehr wir noch darin verhaftet sind.
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