Köln 75
Mala rennt in „Köln 75“: So viele Kilometer zu Fuß sind im deutschen Film seit „Lola rennt” nicht mehr abgespult worden. Dabei hätte die Geschichte um ein Haar ein Biopic über einen Musiker werden können. Ein Amerikaner in Köln 1975. Doch Biopics über Musiker gibt es schon zuhauf, immerhin auch einige über Musikerinnen. Aber über eine Konzertveranstalterin? Da könnte Mala Emde in „Köln 75” die erste ihrer Art sein. Sie verkörpert Vera Brandes, Mastermind hinter dem wichtigsten Konzert, das die Faschingsmetropole Köln je erlebte. Nicht irgendein Rockstar, sondern der exzentrische Jazzer Keith Jarrett hatte dort seinen legendären Auftritt
Im Zentrum von „Köln 75“ steht Brandes, hochelektrisiert gespielt von Mala Emde. Sie hat das Konzert im Kölner Opernhaus auf die Beine gestellt, als sie gerade einmal 18 Jahre alt war, gegen alle Widerstände und unter persönlichem Risiko. Wenn es nach Brandes geht, ist das Solokonzert der Gipfel der Musikkunst: reine Improvisation am Klavier, jeden Abend anders. Und an diesem Abend treiben Jarrett die Einschränkungen zur Höchstform, wie so oft in der Kunst.
„Köln 75” ist kein Coming-of-Age-Film mit Musikauflockerung, aber auch kein 08/15-Musiker-Biopic. Bis in die Nebenrollen gut besetzt (Alexander Scheer, Susanne Wolff, Michael Chernus, John Magaro als Keith Jarrett), findet Regisseur Ido Fluk eine gute Balance zwischen nostalgischem Drama und flotter Spannung. Ein Film, der sich in den besten Momenten wie Free Jazz anfühlt. (maw) ●●●●○
Niki de Saint Phalle
Sie selbst bezeichnete sich als „Terroristin der Kunst“. Ihre bunten Nana-Plastiken sind weltberühmt und weltweit ausgestellt. Der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930–2002) ist nun ein ungewöhnliches, knallfarbenes Film-Biopic gewidmet. Denn die Erben gestatteten nicht, dass darin ihre Kunst zu sehen ist. Die Schauspielerin Céline Sallette erzählt in ihrem Regiedebüt von der Transformation einer traumatisierten, als Kind missbrauchten Frau zu einer selbstbewussten Künstlerin, vom kreativen Widerstand im Patriarchat und von einem künstlerischen Akt mit therapeutischer Kraft – das gilt zumindest für ihre berühmten „Schießbilder“. Charlotte Le Bon liefert eine treffsichere Performance in der Titelrolle. (js) ●●●○○
Annifülm
Sie ist ebenso eine lebende Legende wie ihr Lokal, der Grazer Babenbergerhof, ihre Verhackertbrote mit Schilcherbegleitung, ihre Mundartgedichte und die zahllosen, zu Festen gewordenen musikalischen Abende. Ihr Lachen ist ein Naturereignis und Ausdruck ungebremster Lebensfreude. Acht Jahre lang hat der Filmemacher Heinz Trenczak Anna Maria Zimmermann vulgo „die Anniwirtin“ in ihrem Element begleitet und daraus ein wunderbares Porträt zusammengestellt.
Beginnend mit Archivmaterial von der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens des Landes Steiermark im Jahr 2005 zeichnet Trenczak anhand von Originalzitaten, Schlüsselmomenten und viel Live-Musik in seinem „Annifülm“ ein ebenso liebevolles wie schnörkelloses Bild der Protagonistin, ihres Lokals und seiner bunten Gästeschar.
Dass auch die Tiefpunkte im Leben der Anniwirtin – Scheidung, Schuldenberg und Selbstzweifel – angesprochen werden, verleiht dem Film umso mehr Authentizität. Am Ende bleibt das oft geäußerte Lebensmotto von Anna Maria Zimmermann: „Leutl, das Leben ist schön!“. Der „Annifülm“ ist nach mehreren ausverkauften Screenings am 16. März um 14.30 Uhr noch einmal im Rechbauerkino zu sehen. Dort ist der Film auch auszuleihen und ebenso wie im Babenbergerhof und im Café Uhu in verschiedenen Formaten käuflich zu erwerben. (ast) ●●●●○
Bonhoeffer
Von den Nachkommen wurde Kritik laut, dass der Film eine Brandrede für evangelikale Christen wäre, die sich gegen den Staat auflehnen. Dass der evangelische Pastor Dietrich Bonhoeffer dies gutgeheißen hätte, ist wenig wahrscheinlich. Der Film erzählt davon, wie sich Bonhoeffer – leidenschaftlich dargestellt von Jonas Dassler – im Nationalsozialismus offen gegen Hitler stellte. Der amerikanische Regisseur Todd Komarnicki spannt den Bogen vom Verlust des großen Bruders im Ersten Weltkrieg bis hin zu seiner Untergrundkirche und den letzten Tagen im KZ. Ob es wirklich eine Brandrede für Ungehorsam am Staat ist, und ob Bonhoeffer – wie am Plakat – je eine Waffe getragen hätte, sei dahingestellt. Fakt ist, der Film führt seine Zügel etwas zu lose in der Handlung und versinkt zu oft in aufgeblasenen Monologen. Eine eher unpathetische Angelegenheit. (sg)