Im Oktober, wenn die Nächte länger und kälter werden, hören viele Osttiroler schon die Glocken aneinanderschlagen, sehen vor dem inneren Auge düstere Grimassen und haben in der Nase den Geruch von streng riechenden Fellen. Was klingt, wie ein böser Albtraum, ist für zahlreiche Osttiroler die schönste Zeit des Jahres: die Krampuszeit.
Zwischen Ende November und Anfang Dezember sind die Krampusse oder Kleibeife (je nach Osttiroler Dialekt) im Bezirk unterwegs und treiben das Böse aus den Häusern und den Leuten. Sie begleiten den Heiligen Nikolaus, der brave Kinder belohnt und sammeln gemeinsam mit den „Rüschelen“ und „Lotterleit“ Spenden für soziale Zwecke in der Region. Ihr wichtigster Ausrüstungsgegenstand ist die Holzlarve. Sie krönt jeden Krampus und verschafft ihm ein individuelles, gruseliges Aussehen. Das Larvenschnitzen ist eine Kunst, die gelernt sein will.

Ein Meister seines Faches ist der Virger Michael Lang. Der 40-jährige Bildhauer widmet sich im Herbst regelmäßig den Fratzen. Das macht er bereits seit dem Kindesalter. Mit 14 begann er die Ausbildung zum Bildhauer in der renommierten Schnitzschule Elpigenalp, erarbeite unter anderem den Kreuzweg in Virgen, gestaltete die Zentrale des Deferegger Heilwassers und betreibt die Steinwerkstätte in Virgen. Daher weiß er, worauf es ankommt. „Jede Larve ist ein Unikat, wie auch jeder Träger unter der Maske seine ganz eigene Persönlichkeit hat.“ Aus Osttiroler Zirbenholz, das er selbst ausgesucht und bei abnehmendem Mond geschlägert hat, werden die Meisterwerke gefräst und geschnitzt. Danach werden sie bemalt, ausgehöhlt und mit natürlich gegerbtem Rehleder verkleidet. „Das ist besonders hautverträglich und saugt Schweiß auf“, erklärt Lang. Das ist auch notwendig, denn die Virger „Kleibeife“ (die Niedermaurer und Obermaurer) sind mehrere Tage jeweils von fünf Uhr am Nachmittag bis ein Uhr in der Früh unterwegs, um von Haus zu Haus zu ziehen.

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Motivisch lässt sich der Künstler dabei vom Tierreich, von Mythologien und Fabelwesen, aber auch von Gestalten aus Horrorfilmen oder der Metalmusikwelt inspirieren, ohne sich dabei zu weit von traditionellen Mustern zu entfernen. Stichwort Metal: Musik von Slayer, Iron Maiden oder Amon Amarth läuft in der Werkstatt auf und ab: „Ohne Musik kann ich mich nicht konzentrieren. Da werde ich unruhig“, erklärt Lang. Ist die Metalmusik, die klischeehaft mit Satanismus, Dunkelheit und dem Tod spielt auch beim Schnitzen von gruseligen Gestalten besonders inspirativ? „Nein. Ich höre Metal auch, wenn ich einen Christus schnitze“, lacht Lang. Lang verrät auch, woran man die Handschrift eines Larvenschnitzers erkennt: „An den Ohrwascheln. Die sind oft verdeckt und hier zeigen sich die Unterschiede.“

Wenn der Krampus neben dem Herrgott hängt, dann ist man zweifellos in der Werkstatt von Bildhauer Michael Lang
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Binnen eines Tages ist eine Larve geschnitzt. Dabei arbeitet Lang mit einem ordentlichen Tempo, jeder Schnitt ist wohl überlegt gesetzt, die fertige Larve ist schon von Beginn an vor seinem geistigen Auge. „Das lernt man mit der Zeit“, sagt Lang. Der Berufskünstler sieht die Bildhauer im Bezirk als ein Korrektiv an, die darauf achten, dass die Krampusse nicht zu futuristisch werden und im Stil der Tradition bleiben. Da unterscheide man sich von Kärntner Perchten. „Wir wollen keine LED in den Augen und Rauch aus den Nasen. Auch Aliengesichter sind ein No-Go.“