Wie kann Osttirol dem demografischen Wandel begegnen – und wer wird morgen die Arbeit leisten, die heute schon kaum jemand schafft? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Diskussionsveranstaltung der ARGE Vordenken für Osttirol, die am 9. Oktober in der Wirtschaftskammer Lienz stattfand. Unter dem Titel „Zuzug – Notwendigkeit und Chance für Osttirols Zukunft“ wurde klar: Ohne Zuwanderung droht dem Bezirk ein spürbarer Rückgang an Arbeits- und Lebenskraft.

Der Migrationsforscher Mathias Czaika von der Universität für Weiterbildung Krems zeichnete ein klares Bild: Wenn sich nichts ändert, fehlen in Osttirol bereits im Jahr 2030 rund 1300 Arbeitskräfte. „Zuwanderung ist kein Allheilmittel, aber ein unverzichtbarer Baustein, um Osttirols Zukunft zu sichern“, betonte Czaika. Wer Zuwanderung ablehne, riskiere eine „Abwärtsspirale aus Abwanderung, Überalterung und dem Verlust sozialer Infrastruktur“. Es brauche eine Haltung, die über bloße Toleranz hinausgehe. Entscheidend sei daher, dass aus einer Willkommenskultur, die in eine gelebte Integrationskultur übergeht.

Experten und Bürger diskutierten in Lienz
Experten und Bürger diskutierten in Lienz © ARGE Vordenken für Osttirol/Bachmann E.

Arbeitskräfte dringend gesucht

Auch Michaela Hysek-Unterweger, Bezirksobfrau der Wirtschaftskammer Lienz, brachte es auf den Punkt: „Ohne zusätzliche Arbeitskräfte kann Osttirol sein Potenzial nicht ausschöpfen.“ Die regionale Wirtschaft kämpfe längst nicht nur mit Fachkräftemangel, sondern auch mit fehlenden jungen Menschen, die bleiben oder zurückkehren. Wie Integration gelingen kann, zeigte die Veranstaltung eindrucksvoll anhand persönlicher Geschichten. Mohammad Wakilo, Schüler der vierten Handelsakademie in Lienz, erzählte von seiner Flucht aus Syrien – und davon, wie er über Schule und Vereine in Lienz Fuß gefasst hat. Angela Vergeiner, die vor einigen Jahren aus Deutschland nach Osttirol zog, schilderte die Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere im Bereich der Kinderbetreuung.

Zuzug als Schlüssel – nicht als Bedrohung

Am Ende wurde deutlich: Zuwanderung ist nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine gesellschaftliche Chance. „Wer kein Osttiroler ist, soll einer werden können“, formulierte Czaika. Osttirol habe viel zu bieten – Lebensqualität, Sicherheit, intakte Natur und ein breites berufliches Spektrum. Entscheidend ist nun, Zuzug als Chance zu begreifen: nicht als Bedrohung, sondern als Schlüssel für eine stabile Zukunft.

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