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Andrej Rahten im Interview

"Attentäter wollten Reformen verhindern"

Um die Habsburger Monarchie zu festigen, hatte Franz Ferdinand auch Pläne für die Slowenen und die Kroaten. Den Großserben war das zu viel!

© APA
 

Vor der Großmachtpolitik ein paar Worte über unseren Hauptakteur, den 1914 ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand. Man weiß, dass er 275.000 Tiere geschossen hat, fast 3000 Lachmöven an einem Tag.

ANDREJ RAHTEN: Stimmt, die Jagd war seine Schwäche. Das war ein Grund, weshalb man ihm oft viel mehr Aggressivität unterstellt hat, als er in seiner realen Politik gezeigt hat. Eigentlich war er ein Familienmensch im Sinne eines guten Vaters.

Familienmensch genug, um gegen das höfische Protokoll und den Willen des Kaisers eine Frau zu heiraten, die standesmäßig unter ihm war. Die erstaunlicherweise von Höflingen als bieder, religiös und langweilig beschrieben wurde.

RAHTEN: Ein weiteres Beispiel für vermutlich absichtliche Fehldarstellung. Ich durfte private Fotos im Schloss Artstetten sehen. Auf einem spielen Franz Ferdinand und Sophie Tennis - da sieht sie aus wie ein Model. Ich kann den Thronfolger schon verstehen.

Und wie sind Sie zur Habsburger-Forschung gekommen?

RAHTEN: Als Student habe ich mich für Byzanz und die Habsburger Monarchie interessiert. Letzteres war von Slowenien aus leichter zu recherchieren, außerdem hatte der Themenkomplex Großmacht, Weltpolitik, Mitteleuropa, Slowenien mehr Bezug zu unserem Leben. Und zu meiner heutigen Tätigkeit als Botschafter der Republik Slowenien in Österreich.

Bei Ihnen gibt es einen besonderen Bezug zu Klagenfurt.

RAHTEN: Das ist richtig. Mitte der 1990er Jahre begann ich, über die Habsburger Monarchie zu forschen. Damals war Professor Helmut Rumpler von der Universität Klagenfurt mein Mentor. Bei ihm habe ich meine Diplomarbeit über die slowenischen Reichsabgeordneten geschrieben.

Am Donnerstag sprechen Sie in Klagenfurt über "Eine verhinderte Allianz? Franz Ferdinand und die Südslawen am Vorabend des Ersten Weltkrieges". Worum geht's?

RAHTEN: Franz Ferdinand hatte weitreichende Reformpläne entwickelt und wollte den österreichisch-ungarischen Dualismus unter Einbeziehung von Illyrien und den Südslawen in einen Trialismus verwandeln. In meinem Vortrag geht es vor allem um die Rolle, die er den Slowenen und Kroaten in seinen Reformplänen zugedacht hat.

Das hätte doch auch sicher Folgen für Kärnten gehabt.

RAHTEN: Seinerzeit waren die Slowenen noch in mehrere Erbländer verstreut, Krain, die Steiermark, Kärnten. Schon damals erschien bei Freytag & Berndt eine Sonderkarte des Fürsten Hanau aus dem Umfeld des Thronfolgers, in dem die staatsrechtliche Einheit Slowenien vorkam. Bis dahin gab es diesen offiziellen Begriff noch gar nicht.

Und Kärnten?

RAHTEN: Auf der Karte ist Slowenien auch das Gebiet südlich der Drau in Kärnten und der Steiermark zugeschlagen sowie ein Großteil des Küstenlandes, das heute zu Italien gehört.

Wie hätten die Kräfte am Rande der großen Habsburger Monarchie Einfluss nehmen können?

RAHTEN: Die Lösung bestand aus einem Mittelweg zwischen strengem Zentralismus mit Reichskanzler und strengem Föderalismus, der den Völkern mehr Autonomie gibt. Das klingt paradox, hätte aber funktionieren können.

Wie kam Franz Ferdinand mit den Prinz-Charles-Schicksal zurecht, dass der "Vorgesetzte" ewig lebt? War Franz Ferdinand überhaupt loyal mit seinem "Schattenkabinett", dem Belvedere-Kreis?

RAHTEN: Das war wohl kein Schattenkabinett, sondern eher ein Thinktank aus katholisch-konservativen Aristokraten, hohen Offizieren und bürgerlichen Politikern. Aber Franz Ferdinand war ein überzeugter Anhänger der Monarchie und fürchtete, dass sich Kaiser und Zar durch Krieg gegenseitig vom Thron stürzen könnten. Er hat nie etwas gegen den Kaiser unternommen. Gleichwohl hat dieser einmal sinngemäß an seine Geliebte Katharina Schratt geschrieben: Wenn er einen eigenen vertrauenswürdigen Sohn hätte, würde er diesem die Staatsgeschäfte überlassen und nicht seinem aggressiven Neffen, der solch große Reformpläne schmiede.

Der Kaiser war nicht der Einzige, der frustriert war. Die Ungarn wollten Kroatien nicht aufgeben, die Serben, gestärkt durch die beiden Balkankriege, nährten ihre Regionalmachtsehnsucht mit der Hoffnung auf Bosnien.

RAHTEN: Diese Ambitionen gefährdeten die Stellung der Habsburger Monarchie als Großmacht. Hätte sie ein Gebiet verloren, etwa Bosnien-Herzegowina, wäre es aus gewesen, denn Österreich-Ungarn hätte sich in keine Richtung ausdehnen können.

Es würde wunderbar zu einer Verschwörungstheorie passen, wenn Franz Ferdinand mit Gattin Sophie genau wegen dieser Absichten ermordet worden wäre, die Ihren Staat und unser Bundesland so stark betroffen hätten.

RAHTEN: Franz Ferdinands Reformpläne bedrohten die großserbischen Pläne, denn man fürchtete, mit dem Trialismus könne er die Südslawen für Österreich gewinnen. Den pro-serbischen Attentätern war das klar. Einer sagte, man wisse, Franz Ferdinand sei ein Freund der Südslawen. Weitere Aussagen legen nahe, dass sie Franz Ferdinands Reformen und mögliche Föderationen verhindern wollten.

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