Gerade einmal 13 Jahre war Emma Aicher alt, als Mikaela Shiffrin in Aspen 2017 über den Gewinn ihrer ersten großen Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup jubelte. Damals ahnte wohl noch keiner, dass sich die Deutsche neun Jahre später mit der größten Skifahrerin aller Zeiten im letzten Rennen der Saison um Kristall duelliert. Nach ihrem neunten Slalomsieg im zehnten Saisonrennen hat die US-Amerikanerin komfortable 85 Punkte Vorsprung auf die acht Jahre jüngere Herausforderin. Mit der Slalomkugel im Gepäck doch mehr als genug, oder? „Ich fühle mich absolut nicht sicher damit“, hielt Shiffrin nach ihrem Erfolg in Hafjell dagegen. „Es kann alles passieren.“
Denn anders als im Slalom, wo gegen Shiffrin in diesem Winter kein Alpenkraut gewachsen war, zählen die zwei Duellantinnen um großes Kristall im Riesentorlauf nicht zu den ganz großen Sieganwärterinnen. Platz drei in Spindlermühle war das beste Ergebnis der dreifachen Olympiasiegerin aus Colorado in dieser Saison, Herausforderin Aicher schrieb vor zwei Wochen in Åre mit Platz vier ihr bestes Weltcup-Ergebnis an. Ganz vorne dürfte zum Abschluss ihrer besten Saison Riesentorlauf-Weltcupsiegerin Julia Scheib mitmischen, die sich mit einem starken Ergebnis in den Frühling verabschieden möchte. Kaum vorstellbar, dass die Steirerin der Deutschen den Sieg leichtfertig überlässt.
Aicher will „nervig“ sein
Genau diesen bräuchte es aber, wenn Aicher doch noch die große Kristallkugel in den Händen halten möchte. Gewinnt die 22-Jährige ihren ersten Weltcup-Riesentorlauf, dürfte Shiffrin nicht in die Punkte – beim Weltcup-Finale die besten 15 – fahren. Klingt schwierig, ist es auch. Doch wer die Entwicklung der Allrounderin in diesem Winter verfolgte, weiß, dass für Aicher nichts unmöglich scheint. In allen vier Disziplinen hat sie sich in der Weltspitze etabliert, erinnert in ihrem Werdegang ausgerechnet an die Konkurrentin Shiffrin, die in den Anfangsjahren ebenfalls mehrgleisig auf der Skipiste unterwegs war. Viele sehen in ihr die logische Nachfolgerin der US-Amerikanerin am Ski-Thron.
Bis es so weit ist, muss sich Aicher jedoch mit der Rolle der Jägerin begnügen. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich im letzten Rennen noch in diesem Kampf bin. Ich war so weit weg von dem Ganzen. Es ist cool, dass ich bis zum Schluss ein bisschen nervig sein kann“, sagte Aicher nach ihrem dritten Platz im Slalom. Wendy Holdener fuhr in Hafjell auf Platz zwei, Katharina Truppe schloss ihre starke Saison mit einem vierten Platz ab. Gesprächsthema war aber nur das Duell um die große Kristallkugel, das für die Deutsche aber keine große Bedeutung hat. „Der Riesentorlauf ist ja derzeit noch meine schwächste Disziplin. Ich bin zufrieden mit meiner Saison, egal wie sie endet. Deshalb kann ich einfach Skifahren und Spaß haben.“ Ähnlich will es Shiffrin vor dem möglichen Gewinn ihrer sechsten großen Kristallkugel, mit der sie mit Annemarie Moser gleichziehen würde, angehen. „Es ist eine Ehre, gegen jemanden zu fahren, der in allen Disziplinen so stark ist. Am Ende des Tages kann ich nur mein bestes Skifahren zeigen.“