Durchschlafen – nur ein Mal. Das kennt Petra* nicht. Die vierfache Mutter steht jede Nacht zehn bis sechzehn Mal auf. Mit leisen Schritten geht sie dann in das Zimmer ihres Sohnes, kontrolliert sein Beatmungsgerät und nimmt einen dünnen Schlauch, mit dem sie die Spucke aus Alexanders Mund absaugt.
Das macht sie jede Nacht. Jede Stunde. Jeder Handgriff sitzt. „Wenn ich das nicht tue, erstickt mein Sohn“, erzählt Petra.
Ihr Sohn ist 23 Jahre alt. Er kam als gesundes Baby zur Welt. Im Alter von drei Monaten hatte er eine Nabelbruchoperation. Eigentlich reine Routine. „Doch nach der OP war mein Kind nicht mehr dasselbe.“ Von einem Arzt zum anderen sei sie gelaufen, erzählt Petra. „Alle haben mich als hysterische Mutter abgestempelt.“ Bis klar war: Alexander hat die Narkose nicht vertragen. Er ist körperlich schwer behindert.
Luftröhrenschnitt
Alexanders Zustand wurde im Laufe der Zeit immer schlechter. Petra zeigt Fotoalben. „Da hat Alex noch seinen Rollstuhl selbst steuern können. Da hat er noch eigenständig essen können. Hier sieht man ein Foto, das Alex beim Computerspielen zeigt“, sagt die Frau leise. Es sind Bilder aus der Vergangenheit. Denn heute ist Alex fast vollständig gelähmt, muss mit einer Sonde ernährt werden und kann überhaupt nichts mehr selbstständig machen. „Im Vorjahr wäre mein Sohn nachts fast drei Mal erstickt“, erzählt Petra. Er benötigte einen Luftröhrenschnitt und wird seitdem beim Schlafen künstlich beatmet. „Das war ein wirklich schwerer Schlag“, meint die Mutter. Bis vor Kurzem hat sie noch als Putzfrau gearbeitet –doch seit Alexander künstlich beatmet und ernährt wird, ist sie immer bei ihm.
Viele reagieren mit Mitleid auf dieses Schicksal. Doch Petra und ihre Kinder verdienen nicht Mitleid – sondern Anerkennung. „Wir sind ein fröhlicher Haufen“, lächelt Petra. In ihrer Küche riecht es nach frischem Apfelstrudel, im Wohnzimmer schmiegt sich der Hund an Alexanders Rollstuhl. Bald kommen Alexanders zwei jüngste Geschwister von der Schule nach Hause. Dann wird der Nachmittag gemeinsam verbracht. „Alex ist bei uns überall dabei. Egal, was wir machen“, erzählt Petra. Ihr Sohn ist riesiger Fußballfan, er liebt den WAC. Manchmal sieht man Alexander samt Rollstuhl, Sonde, Schlauch und Familie im Stadion. Fußball. Das ist überhaupt das Stichwort: Da beginnen Alexanders Augen zu strahlen und er lacht übers ganze Gesicht. „Alexander ist geistig topfit, er versteht alles“, sagt seine Mutter. Und auch wenn er nicht reden kann, seine Geschwister und seine Mutter lesen von Augen und Mimik ab, was Alexander mitteilen will. „Er hat so ein frohes Gemüt“, sagt Petra und streicht Alexander durchs Haar.
Schlager
Neben Fußball mag ihr Sohn auch Schlager. Sein Zimmer ist voll mit medizinischen Geräten und würde einer Intensivstation gleichen – wenn da nicht die vielen Poster wären: von Sänger Udo Wenders, von Helene Fischer oder eben vom WAC. Lauter Kleinigkeiten, die von großer Liebe zeugen. „Wir wollen es unserem Alex so schön wie möglich machen“, sagt Petra. Was ihr derzeit Sorgen bereitet, ist vor allem die finanzielle Situation. Seit Petra nicht mehr arbeiten kann, hat sie kein eigenes Einkommen mehr und bekommt nicht einmal Mindestsicherung. Sie lebt von Alimenten und Pflegegeld. Das muss für sie, die zwei schulpflichtigen Kinder und Alexander reichen. Ein Sohn arbeitet bereits. Petras kleine Kinder müssen auf vieles verzichten. Oft hat die vierfache Mutter Existenzängste. Doch dann tröstet sie sich damit, „dass wir ja das Wichtigste haben. Nämlich Familie, Freunde. Und all diese Menschen halten zu Alex.“ Nach seiner letzten Operation bekam Alexander von seinen Freunden etwas ganz besonders geschenkt: Seine Kumpels legten ihr Erspartes zusammen und zahlten Alex eine Tätowierung. Darauf steht: Gib niemals auf.
*Alle Namen von der Redaktion geändert
MANUELA KALSER