Ich lese gerne. Aber ich brauche lange für ein Buch", sagt Christian (37). "So zwei bis drei Monate", ergänzt sein Vater. Christian leidet an Ataxie, einer Störung im Kleinhirn. Er kann ohne Hilfe weder essen noch gehen und muss ständig betreut werden. Herr S. lebt nun allein mit Christian. Das ist ungewohnt und schmerzhaft für ihn, führte er doch jahrzehntelang mit seiner Frau und sechs Kindern - davon vier mit Behinderung - ein aufopferungsvolles, aber harmonisches Familienleben. Seit 2008 musste er fünf familiäre Todesfälle verkraften.
2012 starb seine Frau und Ende des letzten Jahres seine 24-jährige Tochter, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatte. Sie musste ein besonders tragisches Schicksal erleiden, was Herr S. nicht verkraftet hat. Durch eine Tumorerkrankung der Nerven ertaubte und erblindete sie vor ihrem Tod. "Am liebsten wäre ich mit ihr gegangen", sagt Herr S. Doch Gott sei Dank hat er noch eine gesunde Tochter und zwei Enkelkinder, das hält ihn aufrecht.
Herr S. ist ein ungewöhnlicher Familienvater mit einem großen Herzen. Er nahm nicht nur die zwei Töchter mit Behinderung, die seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte, liebevoll auf, sondern auch zwei Pflegesöhne. Einer davon ist Christian, der seit 30 Jahren bei ihm lebt. Der andere Pflegesohn kam als Zweijähriger mit schweren Hirnschäden zur Familie und wurde dort intensiv gefördert. Er starb 2008 mit 25 Jahren. "Als er sechs Jahre alt war, konnte er plötzlich gehen", erinnert sich Herr S. und zeigt ein Familienalbum. Da sieht man lachende, fröhliche Kinder mit glücklichen Eltern, die gemeinsam Ausflüge machten und auf Urlaub fuhren. Behinderungen waren dabei kein Hindernis. In einem umgebauten Bus fuhren die Eltern mit den sechs Kindern ans Meer, wo gezeltet wurde. "Das war sehr schön", sagt Christian.
Unfall mit Folgen
Lustige Faschingspartys mit verkleideten Kindern und feierliche Weihnachtsfeiern sind ebenfalls dokumentiert. Auch das schöne Haus sieht man, bei dessen Bau der Familienvater vom Dach fiel. Ein halbes Jahr lang war er gelähmt. Er musste wieder neu gehen lernen, seine Arbeit konnte er nicht mehr ausüben. Nicht zuletzt deshalb hat er später auch das Haus verloren. "Wozu brauche ich die Alben noch", sagt Herr S. resigniert. "Es sind ja so viele meiner Lieben tot". 2010 starb die eine, zwei Jahre später die zweite Stieftochter. Nun konzentriert er seine Sorge auf Christian. "Ihm soll es so gut gehen wie nur möglich."