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NS-Putsch

"Volk ans Gewehr"

Vor 80 Jahren, im Juli 1934, versuchten sich österreichische Nationalsozialisten an die Macht zu putschen. Die "NS-Revolution" sollte nicht von Wien, sondern von Kärnten aus aufgerollt werden.

© KK
 

Er sei "weder ein Nazi, noch habe er einen Schuss abgegeben", verteidigte sich ein 23-jähriger Tischler aus Theißenegg vor Gericht. "Ein Nazi sei zu ihm gekommen und habe ihn ein 'vaterländisches Schwein' genannt und ihn mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, ein Gewehr zu nehmen und in das Auto zu steigen, das Nazikämpfer nach Reichenfels bringen sollte". Ein Aufrührer, der mit dem Revolver zur "Revolution" gezwungen wurde? Wegen der Teilnahme am bewaffneten Aufstand und des Verbrechens des Hochverrates wurde ein 37-jähriger Besitzer aus Sirnitz schuldig gesprochen und zu 20 Jahren schwerem Kerker verurteilt. Auf die Frage des Richters, warum er sich überhaupt bei der Einnahme von Deutsch-Griffen und bei dem Gefecht in Kaindorf mit der Waffe in der Hand beteiligte, replizierte er: "Am Morgen des 27. Juli, etwa um 3 Uhr, ist einer vor mein Haus gekommen und rief: 'Volk ans Gewehr!' Das war für uns das Losungswort, an einem bestimmten Ort zusammenzukommen. (...) Ich konnte nicht nachdenken. Das gibt es bei der NSDAP nicht, weil sie auf dem Führerprinzip beruht. Da darf man nicht fragen, warum etwas zu machen ist, was angeschafft wird."

Die Triebkräfte, an der Revolte teilzunehmen, waren vielschichtig. Konkrete Belege arbeitete Christian Klösch für das Lavanttal heraus: "In vielen Ortschaften übten die Putschisten persönlichen Druck auf andere aus, 'mitzumachen' und beschimpften jene, die sich weigerten, oft als 'Feiglinge' und 'Verräter'." Ausschlaggebend sei auch die relativ "weitgehend patriarchalische Gesellschaftsstruktur" gewesen: Bauern befahlen ihren Söhnen und Knechten, am Putsch teilzunehmen, Gewerbetreibende und Industrielle stellten ihre Angestellten und Arbeiter für den Putsch ab und drohten 'Verrätern' mit Entlassungen". Abgesehen davon war die NS-Idee in der Kärntner Bevölkerung breiter als etwa in der Steiermark verankert, wobei in diesem Kontext der organisierte, rechtsextreme Deutschnationalismus entscheidende Schrittmacherdienste leistete.

97 Menschen, die bei größeren Gefechten und zahlreichen Zusammenstößen ums Leben kamen, sind die ernüchternde Bilanz des mit großer Brutalität instrumentalisierten NS-Putsches in Kärnten, wo die Kämpfe weiträumiger als in den anderen Bundesländern verliefen. Die Exekutivbeamten nahmen 3184 Personen fest. 1201 Personen wurden nach der Einstellung der Strafverfahren wegen Minderbelastung zur Erntezeit entlassen. 1165 Aufrührer kamen in das Straflager Wöllersdorf, 86 in die Strafanstalt Graz-Karlau. In Klagenfurt saßen Mitte September 1934 über 700 NS-Parteigänger ein. In Oberkärnten gab es, einem Polizeibericht zufolge, Talschaften, wo auf Bauernhöfen kein einziger männlicher Erwachsener mehr zu finden war.

Der Putsch lässt auch Rückschlüsse zu, in welchem Ausmaß Kärnten bereits 1934 nationalsozialistisch durchdrungen war. Vor allem unter der Beamtenschaft sind "25 bis 30 Prozent als stark zu braun neigend zu klassifizieren", konstatierte Regierungsdirektor Kryza-Gersch. Gendarmeriebeamte solidarisierten sich mit den Aufständischen, trugen Hakenkreuzarmbinden oder zeigten durch ihr passives Verhalten Zustimmung. Vor allem die Lehrerschaft ist "sehr stark nationalsozialistisch durchseucht, eine scharfe Remedur wäre hier notwendig". 109 Lehrkräfte, überwiegend Pflichtschullehrer, suspendierte die Regierung dauernd oder vorübergehend vom Dienst. Selbst evangelische Pastoren traten als "Aufwiegler" und "Führer der Aufständischen" in Erscheinung. Betriebe, die die Nationalsozialisten während der Revolte als Basis nutzten, mussten "Sühneabgaben" leisten. Ins Rampenlicht rückten Flaggschiffe der Kärntner Wirtschaft. Genannt sei die ÖAMAG in Radenthein, die 37 Mitarbeiter entlassen musste, deren Beteiligung am Putsch als erwiesen galt. Verhaftet wurde der Generaldirektor des Unternehmens, Konrad Erdmann, ein, wie er selbst formulierte, "grenzenloser Bewunderer Hitlers".

Gerüchte über Putschabsichten kursierten seit dem Verbot der NSDAP im Juni 1933. Geplant waren koordinierte "Aktionen" in den Bundesländern, um die Regierungskräfte so weit zu zersplittern, dass die Nationalsozialisten in das Machtvakuum vorstoßen könnten. Dann, im Zuge einer Besprechung oberster SA-Führer im Oktober 1933 in Passau, fassten Verschwörer den 9. November (zehnter Jahrestag des Hitler-Putsches in München) ins Auge. Von Kärnten, das als "das Herz der Revolution" in den Fokus rückte, sollte der Aufruhr ausgehen und zu einem landesweiten Streik führen. Der Plan scheiterte, weil die Kärntner Nationalsozialisten nicht so rasch bewaffnet werden konnten.

Für den Fall einer NS-Machtübernahme liefen in politischer Hinsicht seit 1933 klandestine Gespräche. Zunächst ging es zwischen NS-Protagonisten und slowenischen Exponenten darum, die beiden slowenischen Landtagsabgeordneten davon zu überzeugen, im Landtag gegen die Aberkennung der NS-Mandate zu stimmen. Dafür wäre die NSDAP im Falle ihres Sieges in Österreich bereit, den gemischtsprachigen Landesteil bis zur Drau an Jugoslawien abzutreten. In der publik gewordenen, heiklen Causa nahm 1934 die Auslandsorganisation der NSDAP das Heft in die Hand und knüpfte Kontakte zum Obmann des Klubs der Kärntner Slowenen in Ljubljana, Julij Felaher, und zum Bevollmächtigten der österreichischen Nationalsozialisten in Ljubljana, Viktor Moro. Darstellungen zufolge fuhren Moro und Felaher nach München und verhandelten mit Rudolf Heß, dem Stellvertreter Hitlers. Das Ergebnis der Gespräche präzisierte Österreichs Militärattaché in Rom, Emil Liebitzky: "Im Falle eines 'Anschlusses' Österreichs an Deutschland (...) soll Jugoslawien für eine günstige Einstellung nicht nur das Kärntner Abstimmungsgebiet, sondern auch Fiume mit seinem Hinterland zugesichert erhalten haben." Jugoslawien kam den Nationalsozialisten entgegen: Sie konnten nahe der Kärntner Grenze Stützpunkte errichten, von wo aus ein Schmuggel an Waffen, Sprengstoff und Propagandamaterial nach Kärnten einsetzte. Das "Kärntner Tagblatt" monierte vor diesem Hintergrund, Österreich sollte von Jugoslawien aus "reif für den Anschluss" werden.

Der Befehl zum Aufstand in Kärnten traf am 25. Juli 1934 gegen 19 Uhr abends aus München ein. Die Gesamtstärke der Verschwörer betrug rund 4000 Mann, SA-, SS-Einheiten sowie Abteilungen der Bauernwehr des Landbundes eingeschlossen. Stellenweise kam es zu erbitterten Kämpfen. Vor allem in den Bezirken St. Veit, Feldkirchen und in Oberkärnten wurde heftig gerungen. Im Bezirk Wolfsberg, wo die Kampfhandlungen bis zum 30. Juli andauerten und erst mit der Absetzung von Teilen der Aufständischen nach Jugoslawien enden sollten, gelang es den Nationalsozialisten, "sowohl politisch die Macht zu übernehmen als auch militärisch das Territorium vollständig zu besetzen. Sie installierten einen neuen Bezirkshauptmann, setzten Bürgermeister ein und übernahmen die Befehlsgewalt über die Exekutive". In Klagenfurt, Villach und Spittal blieb alles ruhig, zumal bekannte NS-Führer vorbeugend in Haft genommen wurden.

Parteiintern bedingte der fehlgeschlagene Putsch, den der deutsche Konsul in Klagenfurt, Theodor von Hahn, als "dilettantisches, völlig kopfloses Unternehmen" bezeichnete, ein Köpferollen. Es ermöglichte den Aufstieg des "Kärntner Dreigestirns" Hubert Klausner, Odilo Globocnik und Friedrich Rainer, die beim "Anschluss" 1938 im Hintergrund die Fäden ziehen sollten, in Schlüsselpositionen. Die SS-Schergen Rainer und Globocnik verband ein verbissener Fanatismus, der sie zu willfährigen Vollstreckern von Heinrich Himmlers Volkstums- und Rassenpolitik werden ließ. Während Rainer 1947 in Ljubljana als "Henker des slowenischen Volkes" offiziell hingerichtet wurde, schluckte der am Massenmord an polnischen Juden federführend beteiligte Globocnik 1945 eine Zyankalikapsel.

Alfred Elste ist Kärntner Historiker.

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