Wie eine Zerrissene sei sie gewesen, sagt Andrea. Ihre Zwillinge kamen drei Monate zu früh zur Welt. Das eine Kind war gesund und machte Fortschritte, das andere Kind wurde immer schwächer und lag im Sterben.
Die Tage und Wochen im Krankenhaus wird Andrea, Anfang 30, nie vergessen. „Zuerst ging ich zu meinem gesunden Baby, nahm es aus dem Brutkasten und kuschelte mit ihm. Ich freute mich so sehr. Danach ging ich zu meinem anderen Baby und sah zu, wie es im künstlichen Tiefschlaf ums Überleben kämpfte. Ich konnte nichts tun, nur hoffen.“
Ein-Kilo-Party
Freud und Leid waren aufgeteilt auf zwei Krankenzimmer. Leben und Tod waren sich unerträglich nahegekommen. Erst nach einer Ewigkeit von vier Wochen war klar: beide Buben, Michi und Martin, würden überleben. „Schon bald konnten wir die Ein-Kilo-Party meiner Kinder feiern“, lächelt Andrea. „Ich fühlte mich stark wie eine Löwin.“
Diese Kraft braucht sie auch heute noch: Denn Andrea ist eine von rund 100.000 Kärntnern, die armutsgefährdet sind. Sie ist Alleinerzieherin. Und einer ihrer Zwillinge, Martin, ist gehbehindert. Er braucht jeden Tag spezielle Behandlungen. „Die Ärzte haben gesagt, er wird nie gehen können.“
Doch im Alter von zwei Jahren, machte er seine ersten Schritte. „Sein Zwillingsbruder half ihm dabei. Er nahm ihn beim Gehen an der Hand und hob ihn auf, wenn er stürzte. Er lernte ihm über Stiegen zu steigen und redete ihm gut zu, wenn er nicht mehr wollte.“
Das hat die beiden wohl zusammengeschweißt. „Meine Kinder sind heute sehr selbstständig und gehen noch immer Hand in Hand durchs Leben“, erzählt Andrea.
Mittlerweile besuchen beide Buben die Volksschule. Nicht nur Martin braucht Hilfe. Auch Michael hat durch die Frühgeburt einige Lerndefizite.
„Trotz allem schreiben meine Kinder mittlerweile viele gute Noten. Sie haben einen enormen Ehrgeiz entwickelt und wollen alles aufholen. Meine Zwillinge treiben sich gegenseitig an, zu zweit schaffen sie alles“, ist Andrea stolz. Die vielen, gemeinsamen Erfolgserlebnisse haben die Kinder selbstbewusst gemacht.
Therapiekosten
Neulich rief ein Bub am Spielplatz: „Martin ist ja behindert.“ Darauf konterte er: „Ich bin nicht behindert. Ich gehe nur anders.“ Andrea lacht herzhaft, wenn sie von solchen Begebenheiten erzählt. Trotzdem wirkt sie erschöpft. Ihr Blick ist müde. „Ich habe Existenzängste“, sagt sie leise, fast so als müsste sie sich schämen. Die zweifache Mutter ist voll berufstätig und sorgt allein für die Buben. Aus einer früheren gewaltgeprägten Beziehung hat sie noch Schulden, die sie abstottern muss. „Das ist ein enormer Druck für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es finanziell nicht mehr schaffe,“ erzählt Andrea.
Die Hälfte ihres Gehaltes wird von der Miete geschluckt. Dazu kommen die Hortkosten sowie die Ausgaben für Martins Therapien und Spezialschuhe. Beide Kinder brauchen regelmäßig, medizinische Förderungen, die Andrea finanziell belasten.
Manchmal, wenn das Geld ganz knapp wird, geht die Frau zusätzlich zu ihrem Vollzeit-Job putzen, um sich etwas dazuzuverdienen. „Einmal habe ich mich auch schon bei der Tafel angestellt, um Hilfe zu bekommen“, erzählt sie. Die „Tafel“ ist eine soziale Einrichtung, die bedürftige Menschen mit Lebensmittel versorgt. „Ich bin daran gewohnt, mit wenig auszukommen“, sagt Andrea ganz ohne Bitterkeit. Sie kauft nur Sonderangebote, näht vieles selbst und kann „mit ein paar Euro etwas Gutes kochen“.
Wie sie das alles schafft? Ein sanftes Lächeln, dann sagt Andrea: „Meine Kinder geben mir Kraft für alles.“
Manuela Kalser