Heute war ein guter Tag, sagt Daniel* manchmal. An guten Tagen passiert nichts Ungeplantes: Da kommt kein unangemeldeter Besuch, da fällt keine Unterrichtsstunde aus, da ist keine neue Baustelle auf dem Weg zur Schule. "Mein Sohn braucht viel Struktur. Routine ist für ihn enorm wichtig", erzählt Daniels Mutter. Der Zehnjährige leidet an dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus.
Anita S. merkte schnell, dass mit Daniel, ihrem jüngsten Kind, etwas nicht stimmt. "Er war extrem ruhig, wollte nie mit anderen Kindern spielen." Von einem Arzt zum nächsten sei sie gelaufen. Überall hieß es, mit Daniel sei alles in Ordnung. "Ein Arzt sagte sogar, Daniel sei nur deshalb so schwierig, weil ich Alleinerzieherin bin", erzählt die Frau.
Doch spätestens im Kindergarten war allen klar, dass Daniel anders ist. "Er war überfordert mit so vielen Kindern und hat nur noch geschrien." Schließlich wurde er des Kindergartens verwiesen. Die Mutter fühlte sich allein gelassen. "Auch zu Hause hat Daniel oft stundenlang durchgebrüllt", erinnert sich die Frau. "Ich wäre fast selbst durchdreht."
In der Schule wurde es dann besser. "Daniels Lehrer sind sehr verständnisvoll." Bald wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Wie viele Asperger-Autisten ist auch Daniel sehr begabt. "Er schreibt nur Einser", sagt seine Mutter. Mit seinen zehn Jahren kann er schon Aufgaben lösen, die normalerweise für 15-Jährige sind.
Beim Lernen hat er also keine Probleme, dafür mit Gleichaltrigen. "Aufgrund seiner Krankheit kann er nicht mit Emotionen umgehen und die Mimik seiner Mitmenschen nicht deuten. Deshalb reagiert er oft völlig unangemessen", erklärt die Mutter. "Wenn ihn jemand nett anlächelt, kann es passieren, dass er zu fauchen beginnt." Besonders schwierig wird es bei Wutanfällen. "Wenn sich Daniel zu sehr aufregt, bringt er sich selbst in Gefahr." Neulich sei er daheim vor Ärger sogar gegen eine Glastüre gelaufen, die dadurch zersplittert ist. Manchmal reicht schon ein leerer Computer-Akku, um Daniel so durcheinanderzubringen.
Das macht es natürlich schwer, Freunde zu finden. In Daniels Zimmer reiht sich Spielzeug an Spielzeug - alles ist nach seinem System geordnet. "Das darf niemand durcheinanderbringen. Er braucht die Ordnung." Besuch von anderen Kindern bekommt Daniel deshalb kaum. "Da leide ich mit", sagt die Mutter. Oft habe sie anderen erklärt, warum Daniel so ist, wie er ist. "Trotzdem glauben viele, er benimmt sich absichtlich so daneben. Aber ich schäme mich nicht für mein Kind, warum auch?", fragt die Mutter. Arbeiten kann sie schon lange nicht mehr. Daniel braucht ihre ganze Energie. "Therapeutische Hilfe erhalten wir wenig."
Aus eigener Kraft tut sie alles, um ihren Sohn ins Leben einzugliedern. Sie nimmt ihn trotz aller Probleme zum Einkaufen und auf Ausflüge mit. Überallhin, wo es viele Menschen gibt und unplanbare Begegnungen. Dorthin, wo es für Daniel schwer ist. "Auf diese Weise soll er lernen, im Alltag klarzukommen." Damit er bald öfters sagt: Heute war ein guter Tag. *Die Namen wurden geändert