Es ist kurz vor neun Uhr früh. Der Kardinaldekan steht bereits an seinem Pult vorne in der Synodenaula im Vatikan, als die letzten Kardinäle zu den täglichen Beratungen eintrudeln. Die Südamerikaner sind etwas lauter, die Europäer eher bedächtig. Die Neuankömmlinge, die erst jetzt aus der ganzen Welt nach Rom gekommen sind, bekommen einen Handschlag vom 91 Jahre alten Kardinal Giovanni Battista Re. Manche, die sich bereits kennen, klopfen sich freundschaftlich auf die Schultern. 

133 Kardinäle vor dem großen Moment

Seit ein paar Tagen tragen alle in diesem Raum ein weißes Namensschild um den Hals. Stand jetzt werden am 7. Mai 133 Kardinäle der katholischen Kirche in die Sixtinische Kapelle zur Wahl des Nachfolgers von Papst Franziskus einziehen, es sind so viele wie noch nie. Die meisten kennen sich überhaupt noch nicht, deshalb Namensschilder. In der ersten Reihe, Re gegenüber, sitzen die Ältesten, manche mit Stock. Kardinal Camillo Ruini, 94, sitzt im Rollstuhl. 

Per Powerpoint wird das Thema auf die Leinwand hinter dem Kardinaldekan gestrahlt: „Apostolica Sedes Vacans“ heißt es dort im beige-körnigen Vatikan-Design. Der Stuhl Petri ist vakant. Ein neuer Papst muss gewählt werden. Noch bis zum 6. Mai beraten die Kardinäle, die in Abwesenheit eines Papstes die Kirche leiten, in dieser Aula. Dann ziehen die Unter-80-Jährigen ins Konklave in der Sixtinischen Kapelle. Es wird gesungen, gebetet, der Heilige Geist beschworen. Aber natürlich wird auch taktiert, Netzwerke geknüpft, Kandidaten durchgespielt und aufgebaut, wahrscheinlich sogar intrigiert. 

Beim letzten Konklave war es schließlich nicht anders. Da brachte eine Gruppe reformorientierter und von den Jahren unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. frustrierter Kardinäle ihren Kandidaten, Jorge Bergoglio aus Buenos Aires, durch. Die Kandidatur wurde bei Beratungen, die eine Zeit lang regelmäßig im Schweizer Sankt Gallen abgehalten wurden, vorbereitet und dann während des Konklaves von einflussreichen Kardinälen angeschoben. Nichts Illegales, aber eben auch nicht nur Werk des Heiligen Geistes. 

Journalisten versuchen am Petriano-Tor links vom Petersdom Statements der Prälaten zu erhaschen, um daraus Schlüsse über den Verlauf der Beratungen zu ziehen. Ist ein schnelles oder langes Konklave zu erwarten? Soll der Nächste weiter reformieren oder eher bremsen? Die Erzkonservativen kommen zusammen an, der US-Amerikaner Raymond Leo Burke (76) zusammen mit Robert Sarah (79) aus Guinea, beides wahrlich keine Franziskus-Freunde.

Doch die ganz Konservativen haben im Kollegium keine Mehrheit mehr. Begegnungen sollen im Nordamerikanischen Kolleg am Gianicolo-Hügel stattgefunden haben, die Lateinamerikaner kommen im Spanischen Kolleg zusammen. Auch die nur einen Steinwurf von Sankt Peter entfernt gelegenen Wohnungen in Rom ansässiger Kardinäle wie Sarah und Burke dienen für kleinere, abendliche Runden.

Es wird noch geschlemmt

Doch bevor es kommenden Mittwoch ins Konklave geht, nutzen die Kardinäle ihre Freiheiten noch genüsslich aus: Die Wirte der Trattorien und Restaurants in Vatikan-Nähe können davon ein Lied singen. Mittags und abends füttern sie Prälaten, am nächsten Tag genüsslich die Presse. Bekannte Kardinal-Absteigen sind das „Tre Pupazzi“ im Borgo Pio zwischen Apostolischem Palast und Engelsburg. Kardinal Georg Ludwig Müller (77) hat dort in einem Hinterzimmer und in Begleitung eine Flasche Weißwein geleert, erfährt man. Mario Zenari (79), päpstlicher Nuntius in Syrien, speiste jüngst frittierte Artischocken im „La Taverna“.

Vor allem zwei Faktoren bestimmen die kommenden Gespräche: Welches sind die programmatischen Präferenzen der immer größer gewordenen und in sich heterogenen Gruppe der Kardinäle aus Afrika, Asien und Lateinamerika? Und immer noch steht das Kennenlernen weit vorne auf der Agenda.