KohleausstiegKlimagipfel in Glasgow endet mit "historischem" Kompromiss

Die Formulierung wurde allerdings in letzter Minute auf Druck von China und Indien abgeschwächt. EU-Kommissar Frans Timmermans äußerte seine große Enttäuschung darüber.

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Reuters belauschte Kerry im Gespräch mit chinesischem Amtskollegen © AFP
 

Der UN-Klimagipfel in Glasgow hat zum verzögerten Ende einen "historischen" Kompromiss gebracht, der für viele Delegierte und die Mehrheit der NGOs vor allem eine Enttäuschung war, für die COP-Präsident Alok Sharma Verständnis äußerte. Zuvor kündigte er zum Endspurt der COP26 einen "Moment der Wahrheit" an. Dieser manifestierte sich im kleinsten gemeinsamen Nenner. Mit dem angenommenen Schlusstext erhält der Pariser Klimavertrag aber zumindest ein abgeschlossenes Regelwerk.

Die UN-Klimakonferenz hat die Staaten der Welt zudem erstmals dazu aufgefordert, den Ausstieg aus der Kohle einzuleiten. Die am Samstag gebilligte Erklärung von rund 200 Staaten fordert zudem, "ineffiziente" Subventionen für Öl, Gas und Kohle zu streichen. "Freunde, die Welt beobachtet uns", hatte Sharma zuvor gewarnt. Er habe von Anfang an gesagt: Entweder werde man gemeinsam zum Erfolg kommen, "oder gemeinsam scheitern". Gestärkt wurde das 1,5 Grad-Ziel, das trotzdem immer weiter entfernt scheint.

Einsprüche von Indien

Sharma meinte, es tue ihm "zutiefst leid", wie das Treffen mit den in letzter Minute vorgenommenen Änderungen an der Formulierung über Kohle zu Ende gegangen sei, die wegen der Einsprüche von Indien vorgenommen wurde. Mit gebrochener Stimme reagierte er auf die Verärgerung anderer Staaten: "Ich möchte mich bei allen Delegierten entschuldigen, wie dieser Prozess verlaufen ist, und es tut mir sehr leid." Der Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans warnte vor der finalen Sitzung vor einem Scheitern: "Um Himmels willen: Zerstört diesen Moment nicht", wandte sich der niederländische EU-Kommissar für Klimaschutz an die Delegierten.

Um Himmels willen: Zerstört diesen Moment nicht.

Frans Timmermans

Die bisher gemachten nationalen Zusagen zur Emissionssenkung würden den durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg jedoch nur auf 2,4 Grad Celsius begrenzen. COP-Präsident Sharma äußerte die Hoffnung, dass die endgültige Abschlussvereinbarung den Weg für tiefere Einschnitte in der nahen Zukunft ebnen könnte.

Die Beschlüsse hier sind zahnlos, schöne Worte reichen nicht, um die Klimakrise zu lösen.

COP-Präsident Alok Sharma

"Die Beschlüsse hier sind zahnlos, schöne Worte reichen nicht, um die Klimakrise zu lösen. Wir sind nach der Klimakonferenz in Glasgow noch immer auf direktem Weg in die Klimakatastrophe", stellte die NGO Global 2000 zum Ergebnis fest. Kritisch sieht die NGO die Rolle der EU: "Die Einrichtung von Kohlenstoffmärkten öffnet der Aufweichung der Klimapläne Tür und Tor". Die EU hat habe einem faulen Kompromiss zugestimmt, statt eine wichtige rote Linie zu ziehen", so Klimasprecher Johannes Wahlmüller.

Kritik von Greenpeace

Greenpeace reagierte unter anderem mit Kritik an der Einigung bei Artikel 6: Mit dem globalen Emissionshandel wurde für die Staaten eine Hintertür geöffnet, um sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und sich aus der Verantwortung zu stehlen, lautete der Kommentar. "Echter Klimaschutz wird dadurch verwässert. Auch Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne), die für die EU die Verhandlungen in dieser Sache führte, konnte ihr Versprechen, Schlupflöcher beim Handelssystem zu schließen, nicht gänzlich halten", hielt die Sprecherin der NGO, Jasmin Duregger fest. Einige schwache Lichtblicke sah man trotzdem.

"Viel Schatten und wenig Licht"

WWF sah indes "viel Schatten und wenig Licht" und kritisierte den "ambitionslosen Verhandlungstext", samt einem 1,5-Grad-Ziel in weiter Ferne. Gefordert wird stattdessen Klimagerechtigkeit und ein rasches Ende des fossilen Zeitalters. "Der Verhandlungstext beinhaltet zwar einige Überraschungen, wie zum Beispiel die erstmalige Erwähnung der Bedeutung des Schutzes und der Wiederherstellung der Natur - von vielen weiteren großen Ankündigungen ist am Ende aber nicht viel übriggeblieben", kritisierte Klimaexpertin Lisa Plattner, die den WWF Österreich in Glasgow vertreten hat.

Oxfam stellte in einer Aussendung fest, dass die kleinen Schritte, welche die COP26 nach vorne gemacht habe, uns nicht zu der Illusion verleiten dürfen, mit einem echten Erfolg nach Hause zu fahren. "Es ist schon bitter, dass wieder einmal die von der Klimakrise besonders betroffenen, ärmeren Länder des Globalen Südens an den Rand gedrängt wurden", lautete das Resümee von Oxfam. Auch Care-Experte Sven Harmeling meinte vor Ort: "Die Industrieländer übernehmen immer noch keine Verantwortung für angerichtete Klimaschäden."

John Kerry belauscht

Kurz vor dem Ende wurde der US-Sondergesandte John Kerry von der Nachrichtenagentur Reuters dabei belauscht, wie er zu seinem chinesischen Amtskollegen Xie Zhenhua sagte: "Ihr sollt in den nächsten 20 Jahren aus der Kohle aussteigen, ihr habt gerade ein Abkommen mit uns unterzeichnet." Die beiden Großemittenten kündigten Anfang der Woche eine überraschende gemeinsame Erklärung an, in der sich Peking bereit erklärte, den Ausstieg aus der Kohle in diesem Jahrzehnt zu beschleunigen. Der Entwurf des Abkommens der COP26 fordert die Länder ebenfalls zum Ausstieg aus der Kohleverstromung auf.

Ihr sollt in den nächsten 20 Jahren aus der Kohle aussteigen, ihr habt gerade ein Abkommen mit uns unterzeichnet.

John Kerry zu Sie Zhenhua

Kommentare (9)
Heike N.
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Ja, waren schöne Tage

Gut gegessen und getrunken, auch so hat’s ein wenig gefunkt unter den Delegierten, eigentlich schade das es schon wieder nach Hause geht, man gönnt sich ja dort kaum einen Luxus.

Was das Thema war? Irgendwas mit Kohle oder so und Natur. Wahrscheinlich irgendein Gartenprojekt, hab da nicht so genau zuhören können.

Kuan_abc
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Ergebnis eine Schande!!

Eine absolute Niederlage, eine Schande!!!!!! Was muss noch passieren, bis die Damen und Herren aufwachen!? Es ist der gesamte Fussabdruck eines jeden Produktes auf CO2 zu besteuern. Dann wird schnell klar das Elektroautos oder Atomkraftwerke NICHT grün sind!!!

future4you
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Es gibt eine Kernfrage:

Was ist das Ziel der Menschheit, wohin will sie sich entwickeln? Wollen wir so weitermachen wie bisher und sehenden Auges gegen eine dicke Betonwand zu rasen, oder wollen wir doch einen Weg einschlagen, der auch nachkommenden Generationen das Leben auf dem Planeten sichert? Wenn wir Letzteres wollen, muss jede und jeder unverzüglich bei sich anfangen und nicht darauf warten, was der andere machen will. Wir erleben gerade einen Umbruch in der Menschheitsgeschichte. Wie er enden wird, entscheiden nur wir.

umo10
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Wenn Kerry das echt wiederholen musste was der Chinese unterzeichnet hat

Dann gute Nacht heile Welt. Wieso kaufen wir alles aus China und wieso lassen wir dort alles produzieren, sogar Mikrochips deutsch-österreichischer Firmen! Es ist zum Aus-der-haut fahren

Amadeus005
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Weil „Geiz ist geil“

Es gibt Industrien, die in Europa einfach viel kosten. Wegen Arbeitsrechten, Umweltschutz, …
Das wird sich nur ändern, wenn Transport sauber versteuert wird. Und Umweltverschmutzung bei der Herstellung am Produktionsort nach europäischen Normen. Aber dann wird‘s halt bei uns teuer.

Adiga
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Und sie kommen mit einer Armee von durchtriebenen Lobbyisten

Die reichsten 3% der Welt (die zu 97% in Bahnen lenken was wie auf dem Planeten passiert) haben kein interesse die Welt zu retten, weil sie an dessen Zerstörung mehr verdienen.

anda20
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Es geht um Geld und Kohle

Der Rest und das Klima spielt wie erwartet keine Rolle.

Vielen Dank

Lucifer rs
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Politisch gesehen 👣🎪

Wird es nie und nimmer ein rasche Lösung des Klimaproblems geben, es ist eher eine wissenschaftliche Lösung anzustreben.
D. h. Die besten Wissenschaftler suchen nach Lösungen der Erderwärmung her zu werden, Abkühlung der Meere, neutralisieren des Kohlenstoff Dioxid Ausstoß und der gleichen🤔
Politisch ist das ein Kanossagang oder eine Sisyphusarbeit 🤭

petera
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Technisch wird man es aber nicht lösen können

CO2 muss stark reduziert werden. Daran führt kein Weg vorbei.