PRO

Zu Beginn des ersten Lockdowns waren wir noch relativ fit. Nun starten wir mit massiver Vorbelastung und Verunsicherung. Ein neuer Lockdown wird gravierende seelische Folgen haben. Wichtig ist, wie die Regeln aussehen, sagt der Psychiater Günter Klug.

Ein zweiter Lockdown – was macht das mit unserer Seele? Menschen brauchen, um seelisch gesund zu bleiben, Beziehungen, Nähe, Gespräche, seelischen und körperlichen Kontakt, die Sicherheit, nicht alleine zu sein. Und dazu: finanzielle Stabilität. Haben wir das nicht oder fehlen Teile, erzeugt dies Stress. Nicht umsonst gehören Einsamkeit, Unsicherheit, Ängste oder finanzielle Probleme, jedes für sich, zu Auslösern von chronischem Stress. Dieser führt zu massiver Verschlechterung der psychischen Befindlichkeit – und durch Auswirkungen auf das Immunsystems, auch zu körperlichen Erkrankungen.

Im ersten Lockdown haben wir in unserer betreuenden Funktion die massiven Folgen erlebt: Menschen mit psychischen Problemen waren als Erste betroffen. Aber nach zwei, drei Wochen stieg auch bei den anderen die Unsicherheit, alles war unklar, Dauer und finanzielle Folgen nicht absehbar.

Vorher nie gekannte Ängste und depressive Verstimmungen sind ausgebrochen. Besonders Ältere sind durch die (gut gemeinte) Kontaktsperre in Einsamkeit und depressive Verstimmungen verfallen – das ging so weit, den Sinn von allem infrage zu stellen. Die Aufarbeitung der Folgen wird auch ohne neuerlichen Lockdown noch Monate bis Jahre dauern.

Günter Klug, Psychiater
© GFSG

Im März waren alle noch relativ fit. Jetzt starten wir mit massiver Vorbelastung und Verunsicherung. Dazu kommen Meldungen, wonach die neue Welle schlimmer werde, unser System einen zweiten Lockdown nicht aushalte. Das ist bedrohlicher als zuvor, Effekte auf die Seele werden noch gravierender sein.

Wie kann man es erträglicher machen? Für ältere Menschen trotz aller Sicherheitsmaßnahmen nicht die direkten Kontakte zu ihren Angehörigen komplett unterbinden. Das halten beide Seiten nicht aus. Mitbedenken, dass junge Menschen bei aller Einschränkung die Möglichkeit zu Kontakt brauchen, sonst schmeißen sie alle Regeln. Auch zu viel Nähe mit vielen Personen in kleinen Wohnungen braucht Entlastung. Am wichtigsten aber ist das Sicherheitgeben: keine aufpeitschende Berichterstattung, ruhig transportierte, klare, stabile Regeln ohne Hin und Her und weitestgehende finanzielle Absicherung. So kann man sich auf die Situation innerlich einstellen und das notwendige Mindestmaß an Gefühl, das Leben ist trotzdem gut, erhalten.

Ein zweiter Lockdown wird schwerwiegende seelische Folgen haben. Wie massiv und lange Menschen darunter leiden werden, hängt davon ab, wie die Regeln sind – und wie sie gelebt werden. Machen wir es richtig, kann das vieles verhindern.

 

KONTRA

Ein rechtzeitiger Lockdown in gut angepasster Form kann verhindern, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt. Entscheidend ist aber, dass es nicht durch das Verschieben von Behandlungen zu Spätfolgen kommt, sagt die Epidemiologin Eva Schernhammer.

Die Folgen eines Lockdowns werden sich auf zum Teil recht gegensätzliche Art und Weise in diversen Gesundheitsbereichen in Österreich niederschlagen. Zum einen, was die Erkrankung an Covid-19 selbst betrifft, so werden jedwede Mitigationsmaßnahmen sich mit großer Wahrscheinlichkeit eher positiv auswirken, da das Verhindern jedes einzelnen Covid-Krankheits- oder Todesfalles hier als Erfolg gewertet werden kann.

Auf die Gesundheit im Allgemeinen kann man das schon nicht mehr unbedingt umlegen. Wenn zum Beispiel der Lockdown zu spät oder zu schwach erfolgt, sodass es aufgrund zu vieler schwerer und gleichzeitig auftretender Covid-19-Fälle letztlich zu einer Überlastung unseres Gesundheitssystems kommt, so wird dies negative Folgen haben. Für die CoronapatientInnen selbst, die dann nicht mehr in ausreichendem Maße behandelt werden können, aber auch für viele andere kranke Menschen – besonders für AkutpatientInnen, die aufgrund mangelnder Kapazitäten dann nicht mehr mit jener Qualität behandelt werden können, wie wir möchten.

Eva Schernhammer, Epidemiologin MedUni Wien
Eva Schernhammer, Epidemiologin
© Privat/KK

Ein Lockdown, der dazu führt, dass Routinebehandlungen hintangestellt werden müssen, so wie wir es bereits während des ersten Lockdowns (März–Mai 2020) gesehen haben, kann zusätzlich auch indirekt negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben, wenn etwa Screening- oder diagnostische bzw. therapeutische Maßnahmen verschoben werden müssen, mit möglichen Folgen für den späteren Krankheitsverlauf oder die Sterblichkeit.

Erwähnenswert sind zudem etwaige Lebensstilveränderungen während eines Lockdowns, die sich – wie erste Studien belegen –, sowohl positiv (bessere Ernährung, mehr Sport in Teilen der Bevölkerung) als auch negativ (weniger Bewegung bei älteren Personen, mehr Zigaretten- oder Alkoholkonsum) äußern können und sich daher unterschiedlich auf die Gesamtgesundheit auswirken können.

Die geringsten Negativfolgen bzw. eine Nutzen-Risiko-Rechnung, die eher in Richtung größerer Nutzen eines Lockdowns auf die Gesundheit und unser Spitalssystem ausschlägt, wird dann zu erwarten sein, wenn ein „Lockdown light“ bzw. verschärfte Anti-Corona-Maßnahmen in gut angepasstem Ausmaß (mehr ist nicht immer besser) und mit genügend zeitlichem Spielraum erfolgen, sodass ein Nachadjustieren der Maßnahmen in einem sinnvollen Zeitrahmen gewährleistet ist, damit man nicht an die Grenzen des Gesundheitssystems stößt, mit allen daraus resultierenden möglichen Kollateralschäden wie bereits aufgelistet.