Millionen Atemschutzmasken sind gerade auf dem Weg von China nach Europa, auch chinesische Ärzte reisen um die Welt, um bei der Bekämpfung des Coronavirus zu helfen. Das Ursprungsland der Pandemie hat eine Hilfsoffensive gestartet - mit machtpolitischen Hintergedanken, wie Experten vermuten.

Der EU will China mehr als zwei Millionen Atemschutzmasken und 50.000 Schnelltests liefern. Das habe ihr der chinesische Regierungschef Li Keqiang am Mittwoch in einem Telefongespräch zugesichert, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einer Videobotschaft auf Twitter. Im Jänner habe die Europäische Union China mit Ausrüstung geholfen, "heute sind wir dankbar für die Unterstützung Chinas".

130 Tonnen für Italien und Südtirol

Am Montagnachmittag sind in Wien-Schwechat zwei AUA-Maschinen aus China gelandet, die 130 Tonnen Schutzausrüstung an Bord hatten. Das Material soll am Dienstag von einem zivilen Frächter in Begleitung von Polizei und Militärpolizei nach Tirol und in weiterer Folge teilweise zur Grenze nach Südtirol gebracht werden, wo es den italienischen Behörden übergeben wird.

Ex-Radio-Moderator Hary Raithofer war mit an Bord

Die beiden Boeing 777 waren am Wochenende nach Xiamen geflogen, dort wurden die 130 Tonnen Schutzausrüstung eingeladen. Da es sich um keine Frachtmaschinen handelte, wurde das Material auch in den Sitzreihen untergebracht. Als First Officer mit an Bord war unter anderem der ehemalige Radio-Moderator Hary Raithofer. Er berichtete auf seiner Facebook-Seite über den Flug.

Eine weitere Million Masken liefert Peking direkt nach Frankreich, wo der Atemschutz bereits Mangelware ist. Außenminister Jean-Yves Le Drian sprach von einem Zeichen der "Solidarität" aus Peking.

Auch in Kiew landete am Montag ein ukrainisches Militärflugzeug mit Atemschutzmasken, Coronavirus-Tests und Beatmungsgeräten aus China. Es handle sich um die erste von mehreren Lieferungen von medizinischer Ausrüstung aus China, teilte die Regierung mit. Im Laufe der Woche seien weitere Flüge geplant.

Bereits in den vergangenen Wochen spendete Peking den Philippinen und Pakistan hunderttausende Atemschutzmasken und Virus-Tests, schickte Ärzteteams in den Iran und den Irak und verlängerte einen Kredit über 500 Millionen Dollar (466 Millionen Euro), um Sri Lanka bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen. Auch mehrere afrikanische Staaten erhielten Unterstützung. Am Montag traf eine Hilfslieferung in der Ukraine ein.

Ausbreitung in China eingedämmt

Die von dem neuen Coronavirus ausgelöste Atemwegserkrankung Covid-19 war erstmals im Dezember in der chinesischen Stadt Wuhan aufgetreten. Offiziellen Angaben zufolge ist die Ausbreitung des Virus in China inzwischen eingedämmt, am Donnerstag wurden keine Neuinfektionen mehr gemeldet.

Nun will Peking den Ländern helfen, die derzeit am stärksten von der Pandemie betroffen sind. In Telefonaten mit den Regierungschefs habe Präsident Xi Jinping Italien und Spanien Unterstützung angeboten, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Zwei Ärzteteams wurden bereits nach Italien entsandt.

Auch auf einen Hilferuf Serbiens reagierte Peking. "Es hat sich gezeigt, dass sich Europa ohne China kaum selbst schützen könnte", sagte der serbische Präsident Aleksandar Vucic, als eine Lieferung von Schnelltests eintraf. Sein Land habe auf seine "chinesischen Brüder" gewartet. In den kommenden Tagen würden noch mehr Hilfsgüter und auch Ärzte aus China Serbien erreichen, meldete Xinhua.

Die EU, der Serbien nicht angehört, verbot Mitte März den Export von medizinischem Material und stieß damit auf Kritik in Serbien. Peking und Washington liefern sich unterdessen weiter Wortgefechte. Die chinesische Führung empört sich, dass Präsident Donald Trump immer noch vom "chinesischen Virus" spricht, die US-Regierung protestiert gegen die Ausweisung von Journalisten aus der Volksrepublik.

China positioniert sich als globale Macht

Während die USA vollauf damit beschäftigt sind, die Corona-Epidemie im eigenen Land unter Kontrolle zu bringen, nutzt China Beobachtern zufolge die Chance, sich als globale Führungsmacht in Position zu bringen.

"Jetzt, da die US-Regierung unter Trump keine sinnvolle internationale Antwort gibt und die EU mit nationalen Reaktionen beschäftigt ist, bietet sich für Chinas Regierung eine einzigartige Gelegenheit, eine Lücke zu füllen", sagt die Sinologin Marina Rudyak von der Universität Heidelberg. Damit versuche Peking auch, von der Kritik an seinem anfänglichen Umgang mit der Pandemie abzulenken und sich stattdessen als Retter anderer Länder in der Corona-Krise zu präsentieren.

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In einigen europäischen Ländern scheint diese Strategie zu funktionieren. "In Europa entwickeln sich konkurrierende Darstellungen. Die meisten Menschen sehen China als den Verantwortlichen für diese globale Krise", sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China. "Aber die großzügige humanitäre Hilfe wird die öffentliche Meinung in Europa möglicherweise eher zugunsten Chinas beeinflussen."