Da saß er, mit neuem, etwas dezenter gefärbtem und selbstbewusst aufgestelltem Haupthaar, erschlankt, homöopathisch geläutert und vor allem: wieder in Freiheit. Ex-Tennisprofi Boris Becker spazierte relativ direkt zu Sat.1, um dem Privatsender nach seinen (am Ende nur) 231 Tagen hinter britischen Gardinen  das erste Interview zu geben.

Interesse der Zuschauer nicht überbordend

"Unser Mann im Knast" hätte das Motto sein können, unter dem der Privatsender das ausführliche Hauptabendinterview gab. Das Interesse war eher verhalten: Die inklusive Werbung 140 Minuten lange Sendung lockte im Schnitt zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr nur 1,55 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Fernseher. Deutschland dürfte noch Interesse an seiner Person, insgesamt aber doch auch ganz andere Lebensrealitäten und Probleme haben.

Grundlegend setzte sich die Post-Knast-Nabelschau zusammen aus:

1. Einsicht (ausreichend)
2. Vorgeschichte (sattsam bekannt)
3. Erfahrungsbericht (ausgiebig)
4. Seelenschau (ausgiebig)
5. Ausblicke (vage)

Becker stellte sich nicht als jemand dar, dem das Gefängnis nur aus Zufall passiert war: Er zeigte im Interview das nötige Quantum an Einsicht, in der Vergangenheit doch gravierende Fehler gemacht zu haben, obgleich auch aus monetärer Naivität, wie er anmerkte. Das prinzipielle Schuldeingeständnis, nach der relativ zurückhaltend agierende Interviewende Steven Gätjens fragte: "Natürlich war ich schuldig." Er sieht sich allerdings auch nicht als jemand, der seiner Ansicht nach wirklich in ein Gefängnis gehört. Fragen, ob er vor Gericht mehr Reue hätte zeigen sollen, beantwortete er zumindest sinngemäß zustimmend. Ja, das alte Credo des "Danach ist man immer schlauer."

Interessant waren vor allem Beckers Erzählungen aus dem Gefängnisalltag: Die 231 Tage haben ganz offenbar Spuren hinterlassen, etwas, das auch Kritiker nicht bestreiten dürften. Der einst als 17-jähriger Schulabbrecher durch seinen Wimbledon-Triumph in höchste Sphären der Popularität Aufgestiegene sprach ausgiebig über seine ersten Tage und Wochen im berüchtigten Wandsworth-Gefängnis in London. Über Ängste, die ihn dort bis in die Nacht begleiteten, kratzende Anstaltswäsche, das Erlernen der Knast-Regeln, den klammen Alltag mit stark reduziertem Draht zur Außenwelt, das Anfreunden mit Wohlgesinnten und offene Drohungen von zumindest einem extraharten Mithäftling.

Der Ex-Athlet, nicht mehr Society-Star, sondern nur noch die Nummer "A2923EV" und auf sich gestellt: "Ich wurde nicht Boris genannt. Und es interessiert sie einen Scheißdreck, wer du bist." Auch Huntercombe in Oxfordshire, das zweite Gefängnis, in dem Becker einsaß, dürfte keine Wohlfühloase gewesen sein. Der ausgiebige Leerlauf wurde unter anderem durch Stoizismus-Lektionen und Unterricht als Yoga-Trainer etwas mit Sinn aufgefüllt. Das Versprechen, seine Familie nun in den Lebensmittelpunkt zu rücken, wirkte nicht nur wie ein Lippenbekenntnis: "Ich sehe den gleichen Menschen, davor vielleicht etwas nervös, ungewiss. Danach vielleicht etwas schlauer, demütiger. Es ist der gleiche Mensch, aber es sind zwei verschiedene Leben." Das könnte man zumindest sympathisch finden.

Die Aufträge dürften weiter eintrudeln

Das bestens bezahlte Interview dürfte nur der Auftakt für künftige Vermarktungsstrategieren gewesen sein: Der Ansatz, angesichts des weiter laufenden Insolvenzverfahrens Geld zu verdienen, wirkt sehr gerechtfertigt. Auch für eine Rolle im Deutschen Tennisbund (DTB) könnte Becker infrage kommen. Von einem Buch als Erfahrungsbericht kann/muss man geradezu ausgehen. Damit wäre eine Überdosis Berichterstattung zu seiner Person dann doch wieder relativ schnell erreicht. Ob der 55-Jährige sein Leben künftig mit Demut, Augenmaß und in gebotener Sparsamkeit angehen wird, wird ausgiebig nachzulesen sein. "Ich habe eine harte Lektion gelernt, eine sehr teure, eine sehr schmerzhafte. Aber das Ganze hat mich etwas Wichtiges und Gutes gelehrt. Und manche Dinge passieren aus gutem Grund", räsoniert Becker.

231 Tage statt zweieinhalb Jahre – keine schlechte Abkürzung. Becker – er wirkt zumindest wie eine Version 1.5 seiner selbst – dürfte keine Legionen von neuen Fans gewonnen haben. Dafür ist ein Gefängnisaufenthalt aber auch nicht da.