Solar- und Bioenergie, Geothermie, Wind- und Wasserkraft sowie Wasserstoff - plus Atomenergie? Der Weg zur Klimaneutralität ist ein weiter. Angeführt von Frankreich, versuchen zehn EU-Mitgliedsstaaten diesen Weg abzukürzen und wollen bei der Europäischen Kommission erwirken, dass Kernenergie, so wie die oben genannten Energiequellen, als "grüne Energiequelle" klassifiziert wird. 

Frankreich fordert, dass man Kernenergie als Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel betrachtet müsse. Bruno Le Maire, Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister, möchte nun den Ausbau von Atomkraft in Europa vorantreiben: "Kernenergie muss ein Teil dieser Lösung sein", schrieb Le Maire gemeinsam mit weiteren europäischen Ministern in einem offenen Brief, der der "Welt" (Montagausgabe) vorlag. 

Kernenergie: Gefahr oder Chance?

"Wenn wir den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen wollen, brauchen wir Kernenergie", heißt es weiter in dem offenen Brief. "Sie ist für uns alle ein unverzichtbarer und verlässlicher Faktor für eine kohlenstofffreie Zukunft." Kernenergie sei "eine saubere, sichere, unabhängige und wettbewerbsfähige kohlenstoffarme Energiequelle", so der Minister.

In dem Brief, den unter anderem auch der polnische Umweltminister Michal Kurtyka und der finnische Wirtschaftsminister Mika Tapani Lintilä unterschrieben haben, heißt es weiter: "Für uns Europäer bedeutet die Kernenergie eine Chance, eine starke, ausgesprochen rentable Industrie zu entwickeln, Tausende von qualifizierten Arbeitsplätzen zu schaffen, unsere Führungsrolle in Sachen Klimaschutz zu stärken und Europas strategische Autonomie und Energie-Unabhängigkeit zu sichern." Die Unterzeichner fordern, diese Chance "nicht ungenutzt" zu lassen.

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung innerhalb der Europäischen Union. Deutschland plant, alle Reaktoren bis 2022 abzuschalten. Gemeinsam mit Österreich, Dänemark, Spanien und Luxemburg bildet man die europäische Bewegung gegen Atomkraft. Im Juli positionierte man sich klar gegen die Idee, Nuklearenergie in das Klassifikationsschema (Taxonomie) für grüne Finanzinvestments aufzunehmen: "Wir sind besorgt, dass die Aufnahme der Kernenergie in die Taxonomie deren Integrität, Glaubwürdigkeit und damit ihren Nutzen dauerhaft beschädigen würde."

Eine baldige Lösung oder ein Ende der Debatte sind nicht in Aussicht. Klar ist nur, dass noch kein europäischer Konsens darüber herrscht, ob Atomkraft eine grüne oder umweltschädliche Energiequelle ist. Eine weitere Frage, die man sich in Anbetracht vergangener nuklearer Unfälle stellen muss, ist die nach der Sicherheit. Alles in allem sei ein Atomkraftwerk aus österreichischer Sicht keine Lösung, sagt Umweltministerin Leonore Gewessler im Kleine-Zeitung-Talkum das AKW Krško. Zu langsam und zu teuer die Errichtung, zu gering der notwendige Klimabeitrag und, im Falle des tatsächlichen Eintretens einer nuklearen Katastrophe, zu groß die Gefahr – insbesondere für Österreich.