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Krisengeschütteltes LandJemen: Von "Arabia felix" zum "Armenhaus der arabischen Welt"

"Jemen - Der vergessene Krieg" von Said AlDailami ist ein Buch, das dem politisch interessierten deutschsprachigen Lesepublikum einen guten ersten Überblick über die Hauptlinien des Konflikts und dessen Einbettung in den internationalen Kontext gibt.

Flüchtlinge im Jemen © APA/AFP/ESSA AHMED
 

"Arabia felix", glückliches Arabien, wurde das Land in der Antike genannt. Seine Landschaften dufteten von Weihrauch, Zimt und allerlei Gewürzen, seine Waffen- und Goldschmiede waren weithin bekannt. Legenden schrieben der Königin von Saba, die in der Region auf der Südwestspitze der Arabischen Halbinsel residiert haben soll, unermesslichen Reichtum zu.

In viel jüngerer Zeit bekam der Jemen dann einen weit weniger schmeichelhaften Namen: "Armenhaus der arabischen Welt". Ab den 1960er Jahren, dem Sturz des Imamats im Norden und der Unabhängigkeit von den Briten mit Gründung einer sozialistischen Republik im Süden, kam das Land nicht mehr zur Ruhe. Größere und kleinere Aufstände und Bürgerkriege wechselten sich ab, auch die 33 Jahre währende Herrschaft des Präsidenten Ali Abdullah Saleh, der letztlich durch die massiven Proteste von 2011 gestürzt wurde, brachte nur oberflächlich Ordnung.

Bürgerkrieg seit 2015

Der 2015 ausgebrochene Bürgerkrieg unter aktiver Teilnahme Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) stellt nun jedoch alles bisher Dagewesene in den Schatten und bedeutet eine einzige Tragödie für die jahrtausendealte Kulturregion. Dies belegt der deutsch-jemenitische Experte und frühere Bundeswehroffizier Said AlDailami in seinem jüngst erschienenen Band "Jemen - Der vergessene Krieg" nachdrücklich und mit vielen Details.

Das flüssig und temperamentvoll geschriebene Buch skizziert kurz die Vorgeschichte des Jemen, beschäftigt sich dann vertieft mit der Historie ab Mitte des 20. Jahrhunderts und dem Aufstieg Salehs und konzentriert sich in der zweiten Hälfte dann ganz auf den derzeitigen Bürgerkrieg. Der heute für die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in Tunis tätige AlDailami geht dabei nicht nur auf den nationalen und internationalen Kontext des Konflikts ein, sondern auch auf die menschliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zerstörung, die die Kämpfe, Hungersnöte, Epidemien und die sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten mit sich gebracht haben.

Der Autor, der selbst aus einer angesehenen jemenitischen Familie stammt und ab dem Schulalter in Deutschland aufwuchs, schreibt voller brennender Liebe für sein Land und voller Schmerz über die Vernichtung einer uralten Kulturregion. Seine These, dass die neureichen, "kulturlosen" "Nomadenvölker" der Golfstaaten aus Neid und Dominanzstreben die historischen Denkmäler einer seit mehrere Jahrtausenden bestehenden Hochkultur zerstörten, scheint zwar etwas vereinfachend zu sein, doch dürfte es die Sicht zumindest einer gebildeteren jemenitischen Schicht auf die Invasoren wiedergeben. Allerdings hält der Autor auch zu allen internen Konfliktparteien Äquidistanz und spart nicht mit Kritik an ihnen, auch wenn sein härtestes Urteil Saudi-Arabien trifft.

Einordnung des Bürgerkriegs

Das stärkste und erhellendste Kapitel des Buches ist jenes, wo AlDailami sich mit der Einordnung des Bürgerkrieges und der Militärintervention in die regionalpolitischen Bestrebungen der Golfstaaten, aber auch in die globalen Machtverhältnisse beschäftigt. Besonders heftige Kritik übt er dabei an der Unterstützung der westlichen Welt für Saudi-Arabien insbesondere durch den Waffenhandel, von dem auch viele europäische Firmen profitieren. Von der gut belegten Darstellung des internationalen Kriegsgewinnlertums nimmt er auch seine zweite Heimat Deutschland nicht aus. AlDailami macht damit deutlich, dass der Jemen-Krieg nicht bloß eine weit entfernte Angelegenheit fremder Länder ist, sondern von Europa und den USA direkt oder indirekt tatkräftig unterstützt und genährt wird.

Mehrfach geht der Experte auf die in westlichen Medien vorherrschende Interpretation des Jemen-Krieges als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ein. Empathisch dementiert er immer wieder diesen Gedanken - obwohl er eine gewisse Unterstützung der Houthi-Rebellen durch Teheran nicht in Abrede stellt -, seine Argumentation bleibt diesbezüglich allerdings eher vage. Nach AlDailamis Darstellung handelt es sich bei dem Bürgerkrieg im Jemen um die Fortführung langjähriger interner Konflikte im Land, bei dem sich die Golfstaaten deshalb massiv in Stellung bringen, um eine Art koloniale Dominanz in dieser für den internationalen (Öl-)Handel strategisch so wichtigen Region aufzubauen.

Überblick über die Hauptlinien des Konflikts

"Jemen - Der vergessene Krieg" ist ein Buch, das dem politisch interessierten deutschsprachigen Lesepublikum einen guten ersten Überblick über die Hauptlinien des Konflikts und dessen Einbettung in den internationalen Kontext gibt. Angesicht der Komplexität der Bürgerkriegssituation, wo Zweckbündnisse andauernd geknüpft, aufgelöst und neu geknüpft werden, wäre vielleicht die Ergänzung des Textes durch eine Chronologie der wichtigsten Kriegsereignisse hilfreich gewesen. Doch insgesamt ist das Werk ein erschütternder Einblick in die Tragödie eines Landes, der vielleicht das Auge der Öffentlichkeit in Europa etwas mehr auf diese "vergessene Region" lenken wird.

 

Kommentare (1)

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walterkaernten
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Lesenswert?

JEMEN

Ich meine das grösste problem ist die überbevölkerung:

1961 5 Millionen
2017 28,5 Millionen

Wie auf der ganzen welt.
Zu viele menschen, wenn alle nach westlichem standard leben wollen.

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