Vergiftet wie zunächst befürchtet wurden die wuchtigen Wiederkäuer nicht – aber 23 in nur einem Monat entdeckte Kadaver im südwestrumänischen Tarcau-Gebirge lassen bei Tierschützern Alarmglocken schrillen. Es sind die schwachen Gene des Wisents, die den „König der Wälder“ so anfällig für Epidemien, Infektionen und Parasitenbefall machen: Trotz ihrer imposanten Erscheinung haben die bis zu knapp 1000 Kilogramm schweren, zwei Meter hohen und drei Meter langen Wildrinder ein fragiles Immunsystem.

Im 19. Jahrhundert beinahe ausgerottet

Vor gut einem Jahrhundert galten die größten Landsäugetiere Europas in der freien Wildbahn praktisch als ausgerottet: Es waren die Abholzung ihres Lebensraums und ihre Beliebtheit als Jagdobjekt, aber auch die Folgen der Kriege, die den gutmütigen Waldbewohnern fast ihr zotteliges Fell kosteten. Die letzten beiden in Freiheit lebenden Wisente wurden 1919 in Polen und 1927 im Kaukasus von Wilderern zur Strecke gebracht.

Bereits 1923 wurde auf polnische Initiative eine internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents in Berlin gegründet. Ihr Ziel: Mit Hilfe von in Zoos und Wildgehegen verbliebenen Tieren die Wiederaufzucht und Erhaltung zu versuchen. Von den 54 Wisenten, die in Europas Tiergärten damals noch aufgestöbert werden konnten, war wegen ihrer oft engen Verwandtschaftsbande aber nur ein Dutzend für den Artenerhalt geeignet: Letztendlich stammen alle der heute wieder 12.000 Tiere zählenden Wisent-Population des Kontinents von nur zwölf Urahnen ab.

Sorgfältig vorbereitete Auswilderungsprogramme

Wegen der Gefahr von Inzucht wird bis heute ein weltweites „Zuchtbuch“ geführt. Sowohl in ihren Herkunftsländern als auch in Rumänien wurden die im Tarcau-Gebirge angesiedelten Tiere strengen Veterinärkontrollen unterzogen. Doch obwohl dank sorgfältig vorbereiteter Auswilderungsprogramme in ganz Europa neben den Zoo- und Zuchttieren wieder Tausende von Wisenten in freier Wildbahn leben, bleiben das verarmte Erbgut und die Krankheitsanfälligkeit die Schwachpunkte der Tiere: Bei den verendeten Wisenten im rumänischen Tarcau-Gebirge wurde ein starker Parasitenbefall festgestellt – kombiniert mit lebensgefährlichen Streptokokken-Infektionen.

Mehr als 150 der rund 250 Wisente in der Region wurden bereits in Freiheit geboren, die Herden dort galten daher als besonders widerstandsfähig. Doch nach dem plötzlichen Wisent-Sterben im eigentlich optimalen Lebensraum haben mehrere Umweltschutzorganisationen die Regierung in Bukarest besorgt dazu aufgefordert, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Die Todesfälle sollten die bisherigen Erfolge des Auswilderungsprogramms zwar „nicht überschatten“, aber Ansporn für eine noch bessere Abstimmung der zuständigen Behörden sein: „Der Wisent ist nicht nur eine wiedereingeführte Art, sondern auch ein Gradmesser für die Regeneration der Natur.“