Das Ostergeschäft ist geschlagen, das erste verlängerte Wochenende vorbei. Nervös fiebern die Gastronomen in Südosteuropa nun der sommerlichen Hochsaison entgegen. Denn von Albanien bis Slowenien werden in den Touristenhochburgen an der Ostküste der Adria noch händeringend Kellner, Köche oder Küchenhilfen gesucht: Denn ausgerechnet in dem vermeintlichen Arbeitskräfteeldorado im Südosten Europas sind Saisonkräfte wegen der anhaltenden Emigration in den Westen zur Mangelware geworden.
Junge Kroaten suchen woanders ihr Glück
In Kroatien pflegten die Adria-Gastronomen beispielsweise jahrelang aus dem heimischen Arbeitskräftereservoir der wirtschaftlich angeschlagenen Kornkammer Slawonien zu schöpfen. Doch seit Kroatiens EU-Beitritt 2013 ist die Bevölkerung im Adriastaat wegen der verstärkten Abwanderung von über vier auf 3,8 Millionen Einwohner geschrumpft: Vor allem junge Kroaten suchen in Mittel- und Westeuropa ein besser und ganzjährig bezahltes Berufsglück.
„Die Hochsaison nähert sich und es gibt immer weniger heimische Arbeitskräfte“, titelt besorgt das kroatische Webportal „index.hr“: „Es fehlt an Leuten, die die kroatischen Traditionsgerichte zubereiten können.“ Tatsächlich stellten die Einheimischen bereits im letzten Jahr nur noch ein Fünftel von Kroatiens Saisonarbeiterheer, Tendenz sinkend.
Meist sind es bisher zwar noch serbische, bosnische, mazedonische, kosovarische oder montenegrinische Kellnerinnen und Kellner, die als vermeintliche Einheimische ausländische Gäste bei der Auswahl kroatischer Köstlichkeiten oder Weine beraten. Doch der verstärkte Konkurrenzkampf um die Arbeitskraft macht die Saisonarbeiter aus der Region im Adriastaat zunehmend zur händeringend gesuchten Mangelware: Vor allem als Küchenhilfen, Reinigungskräfte oder Zimmermädchen werden darum zunehmend Saisonkräfte aus Nepal, Indien, Pakistan und den Philippinen, aber auch der Ukraine angeheuert.
Im benachbarten Montenegro werden in diesem Sommer laut unterschiedlichen Schätzungen 20.000 bis 30.000, im neuen Reiseboomland Albanien gar 50.000 ausländische Saisonbeschäftigte benötigt. Albaniens „Massenemigration“ in dem seit der Jahrtausendwende von über drei auf nur noch 2,4 Millionen Einwohner zählenden Balkanstaat „fordert ihren Zoll, vor allem im Tourismus“, so der TV-Sender „Euronews Albania“.
Auch die fehlende Qualifikation ist ein Problem
Doch nicht nur die massive Abwanderung, sondern auch die fehlende Qualifikation und mangelhafte Fremdsprachenkenntnisse der verbliebenen Arbeitskräfte sind der Grund, dass Albaniens rasch expandierender Tourismussektor zunehmend auf Arbeitsmigranten aus fernen Billiglohnländern wie Philippinen, Nepal oder Bangladesch zurückgreift. Montenegros Gastronomen, die traditionell von den serbischen und bosnischen Arbeitsmärkten zu zehren pflegten, machen wiederum die etwas höheren Gehälter und besseren Bedingungen für Saisonkräfte in Kroatien zu schaffen: Selbst Montenegros Studenten jobben wegen der besseren Bezahlung mittlerweile lieber im kroatischen Dubrovnik als im heimischen Budva.
Am Ende des Arbeitskräftemangel-Dominos stehen im Südosten die Herkunftsstaaten der Saisonarbeiter, die der Lockruf der Adria an die Küsten der Nachbarstaaten pilgern lässt: Auch wegen des Mangels an Mitarbeitern sehen sich bosnische und serbische Gastronomen oft zu unfreiwilligen Betriebsferien verdonnert. In Kroatien könnten Köche bis zu 3.000 Euro im Monat netto, Kellner immerhin zwischen 1.000 und 1.500 Euro verdienen und mit den wesentlich höheren Trinkgeldern in der Hochsaison selbst auf bis zu 4.000 Euro pro Monat kommen, bezeichnet Srdjan Stojanovic von Serbiens Gastronomen-Verband gegenüber dem TV-Sender „Blic-TV“ die sommerliche Abwanderung des heimischen Fachpersonals als „großes Problem“ für seinen Sektor: „Der Aderlass der Arbeitskräfte aus Serbien ist alarmierend.“
Das durch die Emigration verstärkte Buhlen um die Dienste von Saisonkräften lässt nicht nur deren Löhne, sondern auch die Preise für die Besucher grenzüberschreitend steigen. Ein Billigreiseland ist beispielsweise Kroatien längst nicht mehr. Allein von 2022 bis 2024 ist das Preisniveau im Fremdenverkehrsgewerbe laut Tourismusminister Tonci Glavina um 50 Prozent gestiegen. Die „Wilderei“ bei den Preisen sei keineswegs immer durch verbesserte Leistungen begründet: „Wir rufen den Sektor zu konkurrenzfähigen Preisen auf.“